Ein Versuch über den Revolutionsbegriff heute
7. November 2008 in Gesellschaft
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Folgenden Artikel fanden wir beim Aufräumen in unserem privaten Archiv. Geschrieben wurde dieser Artikel von einem Autoren, der leider nicht mehr für uns tätig ist. Sollte sich derjenige Autor jedoch wiedererkennen, würden wir uns freuen wieder mal von ihm zu hören. Auch wenn der Artikel schon einige Monate auf dem Buckel hat, so hat er doch an seiner Aktualität nichts verloren, weswegen wir ihn unserern Lesern nicht vorenthalten wollen. (Die Schriftleitung)
Diese Seite reklamiert für sich – und mich persönlich hat das in seiner klaren, festen Diktion immer beeindruckt – unabhängig, freiheitlich und revolutionär zu sein. Betrachten wir für den Moment nur das letzte Wort, auch das ohne den Anspruch, es hier wirklich ausloten zu können, aber doch mit Ernsthaftigkeit. Ernsthaft – das heisst für mich, sich nicht in historischen Elegien zu ergehen, leider ein nicht sehr seltenes Phänomen. Manche Leute meinen, es sei alles schon gedacht worden und es brauche nur den historischen Moment. Hier liegt ein grosser Fehler, denn nichts wiederholt sich einfach; was vor Jahrzehnten unter ganz anderen Umständen geschah, ist heute nicht zu imitieren. Zum Beispiel: die Zeit der Massenaufmärsche ist vorbei, in welchem politischen Lager auch immer. Die Reizschwelle der Menschen ist als Folge der kommunikativen Überbeschallung angestiegen, wird nicht mehr so rasch „angesprochen“ und interessiert. Vor allem aber: Not zeigt sich anders. Es gibt nicht mehr den Hungernden, der sich mit einem Plakat auf der Brust für alle Arbeiten andient, wer erinnert sich nicht an dieses Plakat aus der Zeit der Weimarer Republik. „Not“ ist heute anders, ist differenzierter; es gibt eine Not, die sich in Perspektivenlosigkeit und Resignation äussert, aber sie ist schwerer zu erkennen und muss wohl auch – im Gegensatz zum Hunger, den jeder verspürt – auch erst bewusst gemacht werden, sie wird nicht sinnlich empfunden.
Wenn wir über die Bewusstmachung dieser Not reden, sind wir bei Strategien revolutionärer Politik. Kann es Anliegen revolutionärer Politik sein, Missstände zu bessern ? Kann es noch grundsätzlicher gefragt Anliegen revolutionärer Politik sein, den Eindruck der Besserbarkeit von Missständen durch Politik im gegebenen Rahmen zu verstärken ? Wohl nicht. Eher wird es ein Anliegen revolutionärer Politik sein, Missstände als im Kontext einer gegebenen Ordnung nicht lösbar anzunehmen, vom Missstand auf seine prinzipielle Ursache zu denken und den Missstand als umschriebenen, benennbaren politischen Zustand eher zu forcieren. Damit ist revolutionäre Politik im Grundsatz verschieden von jeder Parteipolitik; das ist der Umstand, weshalb es in meinen Augen bedauerlich ist, dass mancherorts freie Kräfte in der Partei aufgehen und damit notwendig – wohl ohne es zu wollen – einem Anpassungsdruck unterliegen, der sich mindestens dann bemerkbar macht, wenn man die ersten Ämter besetzen darf. Das Amt – es gibt Verantwortung auf, es gibt aber auch Privilegien; es gibt insbesondere einen Vorgeschmack von dem, was scheinbar eben doch in gegebenen Verhältnissen erreichbar ist. Doch welche Verantwortung ist das ? Kann Verantwortung für eine revolutionäre Bewegung in einem Amt noch wahrgenommen werden ? Will man stürzen, worin und worauf man sitzt ? Je länger und gemütlicher man sitzt, umso weniger wird das noch Ziel sein. In einem Kommentar zu B. Schöler steht diese treffende Notiz: wenn politische Verfolgung einen Sinn macht, dann doch den, dass es Menschen heraushebelt aus einem System, sie oftmals ihrer Existenz beraucht und damit offen macht für einen revolutionären Ansatz, der in dieser Unverbundenheit erst möglich wird.
Brauchen Revolutionen Mehrheiten ? Auch hier hilft ein Blick in die jüngste deutsche Geschichte weiter. Revolutionen werden nicht eigentlich von Mehrheiten gemacht; die Demonstrationen am Anfang vom Ende der DDR waren keine Mehrheitsbewegungen; wahrscheinlich hätte eine zur freien Abstimmung gebrachte Mehrheit immer noch einer Reform des Systems das Wort geredet. Entschlossene Minderheiten führen eine Revolution herbei, wenn eine gewisse Morbidität der alten Ordnung ihnen entgegen kommt. Mehrheiten müssen diese Veränderungen tolerieren, sie dürfen ihnen nicht gegenarbeiten, sondern müssen in neue Ordnungen integrierbar sein.
Der von Minderheiten ausgehende Effekt muss nicht unerheblich sein. Die französische Republik zum Beispiel ist kein morbides System, sie ist es zumindest weit weniger, als man das von seinem politischen Nachbarn sagen kann. Doch hier reichten 2005 die Unruhen in sozialen Problemquartieren um Paris aus, um den Notstand herbei zu führen. Dabei waren diese Unruhen nur in einem unbestimmten, dumpfen Sinn „politisch“; eine Programmatik gab es nicht, sondern nur die in Einzelaktionen durchbrechende Unzufriedenheit.
Revolutionen sind auch in unserer Zeit möglich. Sie kommen nicht über uns, um dann einfach angenommen zu werden. Politik braucht eine Strategie; eine Beschäftigung mit neuerer und neuester Geschichte ist in der Konzeptualisierung dieser Strategien sinnvoller als ein Verhaften auf länger zurückreichende Epochen.


Winfreud aus Chemnitz said on 8. November 2008
Revolutionen entstehen von Selbst, auch ohne Aufruf oder Anmeldung zur Demonstration. Ohne eine echte politische Forderung ist aber nichts zu erreichen, deshalb ist “Wir sind das Volk” die Einigung aber nicht die Forderung. Eine Antiforderung ist auch keine politische These.
Die Friedlichkeit wird dem Gegner nicht lange gefallen also sind solche Aktionen, auch scheinbar Terroristische, äußerst Aggressiv ab zu lehnen und die Verursacher zu benennen.
Das Minderheiten die Keime von solchen Bewegungen sind – ist völlig richtig aber diese Keime stehen in einer eigenen Bewegung und sind nicht irgendwelchen politischen Flügeln zu zuordnen.
Erst wenn das Potential dazu da ist gibt es auch Möglichkeiten.
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Frank und Frei said on 10. November 2008
Ein hervorragender Denkansatz. Das muß man erstmal verdauen und darüber sinnieren.
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