Die Anglisierung Deutschlands

12. April 2008 in Deutschland, Europa

Ich, als ehemaliger DDR-Bürger, musste, wie alle anderen auch, in der Schule Russisch lernen. Wir machten Subotnik (unbezahlte Arbeit an Samstagen), erholten uns auf der Datsche (Garten mit Bungalow) und machten dort ein Prasnik (Essen und Trinken). Diese, und manche anderen russischen Worte, kennen die meisten Menschen der ex-DDR noch. Doch nicht ein einziges russisches Wort ist in den Duden, die gesamtdeutsche Rechtschreibregelung, übernommen worden.

Aber wie anders sieht es mit der deutschen Sprache heute aus??

In den ersten Jahrzehnten nach dem Kriegsende gehörte es für alle ausländischen Sangeskünstler, bis hin zu Elvis, selbstverständlich zum guten Ton auch Deutsch zu singen. Und heute? Die wenigen deutschen Liedermacher, wie Reinhard Mey, haben nicht die geringste Chance auf einem deutschen Sender gehört werden zu können. Ein Sender nach dem anderen, auch alle ARD-Sender – die unseren Euro kassieren – schließt sich dem anglo/amerikanischen Einheitsbrei an.

Nun ist die Katze aus dem Sack:

dpa, Köln, 31. März 2008,
«Deutschlandfunk und BBC London vereinbaren Zusammenarbeit»

«Wie der dpa gemeldet wurde, sind der BBC London und der Deutschlandfunk übereingekommen, in Zukunft enger zusammenzuarbeiten. Der Intendant des Deutschlandfunks, Professor Ernst Elitz, sagte dazu u.a.: „Damit gehen wir den bisher verfolgten Weg konsequent weiter, unsere Hörfunkprogramme künftig noch internationaler zu gestalten.
Dieses zu erreichen, wird eine langsame Angleichung der Sprachen zur Folge haben. Diesen Weg haben wir schon vor langer Zeit betreten.“

Der Intendant der BBC International, General Manager Daniel Dearlove, lobte die Bereitschaft des Deutschlandfunks, die allmähliche Übernahme der englischen Sprache eingeleitet zu haben“, sagte er gegenüber dpa

Was der gute Herr Prof. Elitz da von sich gegeben hat, ist natürlich eine (wissentliche) Falschaussage. Alle Hörfunkprogramme werden nicht internationaler, sondern nur „englischer“. Man nimmt den Deutschen nicht nur ihre eigene Sprache, sondern zum Beispiel auch die, bei uns eingebürgerten und lieb gewonnenen französischen Worte. So wurde zum Beispiel aus Mannequin das Model. Und für alle Europäer wurde aus dem „Festival de la Chanson“ der „Song Contest“, auf dem die deutschen Interpreten natürlich ihre Lieder in Englisch vortragen..

Doch es geht ja nicht darum, dass die Briten keine fremden Sprachen lernen müssen, weil sie sich auf den Englischkenntnissen der anderen ausruhen können. (So reisen pro Jahr über elf Millionen britische Touristen nach Frankreich und verfügen nicht über rudimentärste Sprachkenntnisse) Es geht aber nicht um Briten – sondern um den „Großen Bruder“ über dem „Großen Teich“.

Unter dem Decknamen “Globalisierung” findet eine Amerikanisierung statt und die einzige Nation, die sich nicht zu ändern braucht, sind die Vereinigten Staaten von Amerika.

Es ist die Welt, die sich Amerika anpassen muss.

Und die Deutschen passen sich an! Die Vorliebe vieler Deutscher für alles Amerikanische ist erschreckend; bei näherer Betrachtung aber erklärbar. Denn es sind die Medien, die, in liebedienernder Weise, alles amerikanische als Vorbild hinstellen. Der Kino-Markt wird von Hollywood-Produktionen überschwemmt. Welcher französische, polnische, russische, italienische oder tschechische Filmverleiher kriegt noch seine Produktionen auf den deutschen Markt?
Wir sind nicht “Multikulti” – wir sind “Bi-kulti”!

Das übergroße Interesse an der amerikanischen “Leitkultur” stellt nämlich gleichzeitig ein Desinteresse für andere Nationen und Kulturen dar.

Das Eindringen angloamerikanischer Wörter und Wendungen verändert die deutsche Sprache heute schneller und umfassender als Latein und Französisch während früherer Jahrhunderte. Nirgendwo in Europa ist dieses Kauderwelsch zu hören – dieses “Denglisch” oder auch “BSE” ( Bad Simple English). In Frankreich, Polen, Spanien oder Ungarn wird die eigene Sprache gepflegt. Doch Deutschland kriecht, in vorauseilendem Gehorsam, dem “Großen Bruder” zu Munde. Kein Land der Welt hat das Recht anderen Völkern seine Sprache aufzudrängen. Ich habe mich vehement gewehrt die russische Sprache zu erlernen – und ich wehre mich auch heute gegen den Zwang Englisch lernen zu müssen, um eine Fahrkarte lösen zu können. Die Anglizismen verdrängen deutsche Wörter. Wo single, news, bike und shop Wörter wie “Junggeselle”, “Nachrichten”, “Fahrrad” und “Laden” oder “Geschäft” ersetzen, sterben die deutschen Ausdrücke aus. Einige englische Ausdrücke wie Laser, Jeans, Stress, Internet, haben sich allerdings bereits so in die deutsche Sprache integriert, dass sie auch im Duden aufgenommen sind. Gegen diese (internationalen) Begriffe ist auch nichts einzuwenden.

Freecall, GreenCard, Mode collektion und Hunderte anderer Worte werde ständig neu eingeführt und durch die Medien populär gemacht. Daß Moonshine-Tarif “Billigschnaps-” bedeutet, und nicht “Mondscheintarif”, macht die Erfinder zwar lächerlich, aber nicht unerfinderisch. Jeans-Hose, Eis-Shop, Batch-Datei, Crashkurs, Crashtest und andere “Zwitter” sind genauso lächerlich.

Wenn wir unsere Sprache nicht schützen, stammeln wir bald nur noch Stummelwörter wie fun, light, power, kids, event, shop, wellness (und hunderte mehr). Warum Tie-break, sale, recycling? Ist nicht “Entscheidungsspiel”, “Schlußverkauf” oder “Reststoffverwertung” viel anschaulicher? Die Stärke der deutschen Sprache ist ihre Anschaulichkeit. Und jeder versteht sie – natürlich auch und vor allem – , weil es Wörter der eigenen Sprache sind.

Ich sehe ein, dass (so, wie die Mediziner die lateinische Sprache benutzten) in vielen technischen Bereichen (Computertechnik, Luft- und Raumfahrt usw..) sich die englische Sprache durchgesetzt hat. (Eine Weltsprache, wie Esperanto, ist ja zielgerichtet sabotiert worden.)

Die angloamerikanische Sprachwelt sträubt sich jedoch vor der Einbürgerung fremder Worte (außer “Kindergarten” und zwei, drei anderer Begriffe). Das Englische müsste sonst mit hunderten deutscher Wörter aus den Werken des Marxismus, der Psychoanalyse, der Atomphysik oder der Relativitätstheorie gespickt sein. Ist es aber nicht! Selbst die Originalbenennung von Schlüsselbegriffen wie “Mehrwert”, “Überbau” und “Raumkrümmung” sucht man im Englischen vergebens.

Es ist nicht machbar, erforderlich, oder wünschenswert das Deutsche grundsätzlich von Fremdwörtern freizuhalten. Das Deutsche ist wie viele andere Sprachen Europas eine Mischsprache. Auch ihr Wortschatz lässt sich durch treffende Ausdrücke aus anderen Sprachen mitunter bereichern.

Natürlich wird jeder, der für die Sauberkeit der deutschen Sprache eintritt, sofort in die rechte Schublade gesteckt. „Deutschtümelei“ ist der geringste Vorwurf. „Antiamerikanismus“ dagegen schon ein gröberes Geschütz. Beides ist völliger Blödsinn.

Wenn wir aber in guter Nachbarschaft in unserem europäischen Haus wohne wollen, dann. müssen wir schon wissen, wer wir sind und welche Sprache wir sprechen wollen!

Klaus Krusche, Berlin

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9 responses to Die Anglisierung Deutschlands

  1. Auch in dieser Beziehung ist das Verhalten vieler “deutscher” Intellektueller
    u. Journalisten u. “Medienlumpen” einfach nur widerwärtig und kriecherisch!
    So wie die meisten Historiker zu siegerhörigen Volkspädagogen verkommen,
    gerieren sich philologisch tätige sich zu “BSE-Spezialisten”! Pfui Teufel, dieser
    Abschaum aus Gedankenlosigkeit oder noch schlimmer aus Selbsthaß gehört
    ins “Aus”, man müßte ihnen die mediale Plattform entziehen!
    Ha, ha, der unrecht-Verfassungsschützer hätte da gern eine andere letzte
    Formulierung gelesen, um mich am Schlawittchen zu packen, gelle! Den Ge=
    fallen tue ich ihm aber nicht, ätsch!

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  2. Sterbende Völker verlieren als erstes ihre Sprache.
    Was man nicht mehr sagen kann, kann man auch nicht denken.

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  3. “Sterbende Völker verlieren als erstes ihre Sprache.
    Was man nicht mehr sagen kann, kann man auch nicht denken.”

    Eines der besten Sätze die ich letztens gelesen habe.

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  4. Wie die einstige Sprache der Ingenieure verhunzt wird, kann dernachfolgenden Adresse entnommen werden, wo auf lustig-sarkastische Weise das Werbemanagement von VW geschildert wird.

    http://www.humanistische-aktion.de/sprache.htm#teu

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  5. Professor Ernst Elitz, sagte dazu u.a.: „Damit gehen wir den bisher verfolgten Weg konsequent weiter, unsere Hörfunkprogramme künftig noch internationaler zu gestalten.
    Dieses zu erreichen, wird eine langsame Angleichung der Sprachen zur Folge haben. Diesen Weg haben wir schon vor langer Zeit betreten.“
    Wer als “passiver nichtbrr.” Radiohörer sich die “gewählten” “Top Ten”, die teilweise an das Gejaule eines mondsüchtigen Hundes erinnern, antun muß, statt dessen eine allumfassende an der “Mundorgel” obliegenden Harmonien versuchen, gilt eventuell als Geschmacksverirrend verdächtig.

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  6. “Was man nicht mehr sagen kann, kann man auch nicht denken.”

    ???

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  7. Im Übrigen zwingt niemand Herrn Krusche oder irgendwen, eine Fremdsprache zu erlernen oder auch nur eingedeutschte Begriffe in welchem Zusammenhang auch immer zu verwenden!

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  8. Hier hab ich noch was: http://www.humanistische-aktion.de/sprache.htm#teu

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  9. …und ich China ist ein Sack reis umgefallen…

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