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03. September 2010

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Michael Winkler: Sekundärwirtschaft

Eine reine Primärwirtschaft, bei der alle Marktteilnehmer direkt in die Wertschöpfungskette eingebunden sind, finden wir vermutlich noch in der frühen Steinzeit. Damals waren alle Mitglieder der Horde Jäger und Sammler, wobei selbst die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht allzu ausgeprägt gewesen war. Sicher, es gab den besseren Fährtensucher in der Gruppe, den besseren Speerwerfer, also Spezialisten, die besondere Aufgaben übernahmen, jedoch nicht ausschließlich. Im Wesentlichen stellte jeder alles her, was er benötigte, und beschaffte für sich und die Seinen die Nahrung. Der Anführer führte die Leute an, er arbeitete also selbst bei allem mit.

Die erste Ausgliederung dürfte die Heilerin gewesen sein, der Schamane, die Geisterfrau oder der Medizinmann. Er oder sie versorgte die Kranken, sammelte Heilkräuter und sprach mit den Geistern, die das Jagdglück und das Wetter beherrschten. Diese spezielle Person wurde von der Gemeinschaft mit versorgt, weil sie an der Gemeinschaft besondere Dienste verrichtete. So entstanden die ersten “Parasiten”, was wörtlich in etwa “Nebensitzer” bedeutet, Leute, die mit am Tisch sitzen, ohne eingeladen worden zu sein. Die von mir angesprochene Art des Parasiten leistet mehr oder weniger nützliche Dienste außerhalb der Wertschöpfungskette und wird von dieser Wertschöpfungskette mit versorgt. Nun wollen Lehrer, Ärzte, Banker oder Politiker ungern als “Parasiten” bezeichnet werden, deshalb verwende ich den Begriff der Sekundärwirtschaft.

“Miternährte” können durchaus zur Wertschöpfungskette gehören. Der Töpfer, der die Gefäße für die Aufbewahrung der Ernte herstellte, arbeitete nicht auf dem Feld. Sein Fachwissen und seine Arbeitskraft flossen in die Bearbeitung und das Brennen des Tons ein. Eine vergleichbare Ausgliederung waren die Schmiede. Das Kupfer ausschmelzen, die Bronze anmischen, das Metall gießen und daraus das benötigte Werkzeug schmieden, das ist ein “Vollzeitjob”, der Schmied ist auf die Bauern angewiesen, um seine Nahrungsmittel einzutauschen. Ohne den Schmied hätte der Bauer jedoch keinen Pflug und ohne den Töpfer würden Schädlinge seine Ernte auffressen, deshalb ist der Bauer auf sie angewiesen. Somit gehören sie zur Primärwirtschaft.

Ich möchte jetzt einen Vertreter der Sekundärwirtschaft herausgreifen, den wir alle kennen: den Friseur. Es mag vielleicht ketzerisch klingen, aber Friseure sind eigentlich überflüssig. Ich rasiere mich sowieso selbst und wenn meine Haare zu lang werden, knote ich mir einen Zopf. Wenn dieser zu lang wird, greife ich in einem Akt der Selbstverstümmelung zur Schere. Ehe Sie jetzt mein Photo kritisch beäugen – dies sind nur die Notfallmaßnahmen, wenn die Friseure plötzlich aus unserer Welt verschwänden. Friseure lassen uns eben besser aussehen, nicht nur mich, sondern angeblich sogar unsere Bundeskanzlerin.

Ich kann jedoch frei entscheiden, ob ich diese Woche meinen Friseur aufsuche oder erst nächsten Monat. Die Produkte meines Lebensmittelhändlers – der in der Primärwirtschaft steht – benötige ich jedoch täglich.

Ein gesundes Verhältnis ist, rund gerechnet, ein Friseur für tausend Bürger. Gut, ein US-Militärhaarschnitt für Rekruten soll in weniger als einer Minute erfolgen, die obere Grenze wären somit 30.000 Kunden. Ein Damenfriseur mit anspruchsvoller Kundschaft dürfte mit 50 Dauerkundinnen ausgelastet sein und das andere Extrem bilden. Aber bleiben wir bei 1 : 1000, wir sprechen schließlich von einem Parasiten, der seine Dienstleistung außerhalb der Wertschöpfungskette erbringt.

Um dieses Verhältnis einzuhalten, wäre natürlich eine Planwirtschaft die beste Methode. Im Mittelalter gab es übrigens diese Planwirtschaft in Form von Zünften, die genau vorgeschrieben hatten, welcher und wie viele Handwerksmeister sich irgendwo ansiedeln duften, wie viele Lehrlinge und Gesellen ihnen zustanden, welche Qualität sie liefern und welche Preise sie verlangen mußten. In der Marktwirtschaft haben wir Angebot und Nachfrage. Wenn zu viele junge Leute glauben, unbedingt Friseure werden zu müssen, gibt es bald einen mörderischen Verdrängungswettkampf und zahlreiche Friseure werden ihre Salons schließen. Leider können nicht alle Friseure Außenminister werden, also einen Beruf für Ungelernte ergreifen. Viele müssen dann leider umschulen.

Zur Sekundärwirtschaft gehören ebenfalls die Banken. Diese verfolgen das interessante Geschäftsmodell, Geld von Leuten einzusammeln, um es anderen Leuten auszuleihen und dabei selbst reich zu werden. Dieses Geschäft war einmal derart anrüchig, daß man es den Juden überließ. Für diese Dienstleistung bekamen sie den Ruf als besonders skrupel- und gewissenlose Geschäftsleute angehängt. Heute sind die Bankiers natürlich ehrbare Geschäftsleute im Nadelstreifen-Anzug.

Bei Banken ist die richtige Dosierung leider schwerer auszurechnen, als bei den Friseuren. Es gibt natürlich ein Äquivalent zur Blitzrasur wie bei den US-Marines: Girokonto plus Sparbuch und als Geldanlagestrategie wird alles, was am 25. eines Monates noch auf dem Girokonto steht, auf das Sparbuch überwiesen. Und es gibt die exklusiven Privatkunden, die so viel Geld von der Bank geliehen haben, daß die Bankiers es sich nicht leisten können, diese Summen einzutreiben.

Wir dürfen eines jedoch nicht vergessen: Die Banken gehören zur Sekundärwirtschaft, sie sind nicht Teil der Wertschöpfungskette. Wir hätten zwar einige Schwierigkeiten im Zahlungsverkehr, wenn die Banken verschwinden würden, aber es wäre nicht unmöglich. An die Stelle der Überweisungen träten Geldbriefe, statt Sparbücher gibt es Matratzen und statt der Kredite gibt es Genossenschaften, bei denen eine Anzahl Leute Geld zusammenlegen, um größere Investitionen zu tätigen. Ja, es wäre unbequem, aber es ginge.

Geld wird in einem schönen Vergleich als das Blut der Wirtschaft bezeichnet. Banken als Parasiten wären dann die Blutsauger der Wirtschaft. Wobei Blutsauger durchaus nützlich sein können, wie wir von den medizinisch eingesetzten Blutegeln wissen. Solange 50 Gramm Blutegel an 80 Kilo Mensch saugen, haben beide ihren Nutzen. Ein Blutegel mit 500 kg “Leergewicht” und entsprechendem Appetit ist hingegen ein wenig zu viel für einen behandlungsbedürftigen Patienten.

Mit Bankgeschäften läßt sich relativ leicht und mühelos Geld verdienen, zumindest in normalen Zeiten. Da wird nicht geschwitzt und das größte Verletzungsrisiko besteht darin, daß einem ein Sack Münzgeld auf den Fuß fällt. Eine Banklehre erhöht übrigens ebenso wenig die Intelligenz, wie ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Der normale Bankmitarbeiter versteht, was ein Sparbuch ist, wie Festgeld funktioniert oder Pfandbriefe. Er hat zudem fundierte Vermutungen, was eine Aktie sein könnte. Er kennt sich mit Finanzierungen von Autos und Immobilien aus und kann beurteilen, wie kreditwürdig örtliche Firmen sind, die ihre Konten bei dieser Bank führen. Ehrlich, das ist schon eine ganze Menge und auf jeden Fall mehr, als die zuständigen Aufsichtsräte wissen, vor allem, wenn sie aus der Politik oder den Gewerkschaften stammen.

Mit diesen Kenntnissen und Möglichkeiten läßt sich eine Bank grundsolide führen, allerdings nicht mit 25% Eigenkapitalrendite. Diese erfordert jenes Geschäftsgebaren, das man in fernvergangenen Zeiten immer jüdischen Bankhäusern unterstellt hat: die unersättliche Gier, an das Geld der Kunden zu kommen. Während in einem soliden Bankgeschäft höchstens die Einlage verloren gehen kann, gibt es bei renditestarken Bankgeschäften höhere Risiken.

Die erste Stufe sind “Steuersparanlagen”. Diese nutzen die gesunde Einstellung der Anleger aus, nicht zu viel Steuern an einen Staat zu bezahlen, der damit prächtige Kanzlerämter baut und sich über Jahrzehnte hinweg zwei Hauptstädte leistet, mit Ministerien, deren Personal fast so häufig und mindestens so überflüssig im Flugzeug sitzt, wie unsere Bundeskanzlerin. Da finanzieren die Banken die bekannten “Schrottimmobilien”, zu 100%, wie in den USA. Ja, ja – das können wir hier auch. Nur die zeitweise Wertsteigerung haben wir nicht hinbekommen.

Natürlich machen die Banken diese parasitären Geldgeschäfte nicht alle selbst. Dafür gibt es ausgelagerte oder unabhängige Gesellschaften, die Fonds und sonstige Geldanlagen anbieten, gerne im Verein mit den Banken, die das Risiko für den Anleger erhöhen, weil sie mit ihrem “guten” Namen die “Seriosität” beisteuern. Was Anlegern bei der Göttinger Gruppe wenig geholfen hat.

Zu den spekulativen Anlagen, die jeder mit ein wenig Mühe verstehen kann, gehören die Wetten auf die Zukunft, die Termin-Geschäfte. Ein Schriftsteller – auch ein Parasit, der nicht in der Wertschöpfungskette steht – bekommt einen Vorschuß für ein Buch, das er noch gar nicht geschrieben hat. Schon das ist ein Termingeschäft, weil der Verleger erwartet, daß er so günstig an ein Buch kommt, das seine Ausgaben vielfach wieder einspielt. Der Landwirt, der seine herbstliche Ernte bereits im Frühjahr zu einem festen Preis verkauft, geht ebenfalls ein Termingeschäft ein. Warentermingeschäfte sind jedoch noch überschaubar. Habe ich 100.000 Kontrakte über Orangensaft, habe ich bei einer schlechten Ernte billig eingekauft. Wird die Ernte jedoch viel besser als erwartet, zahle ich drauf.

Natürlich kann man solche Termingeschäfte ebenso mit “Produkten” der Finanzwirtschaft abwickeln. Heute schon Aktien zum Kurs von morgen kaufen? Oder eben verkaufen? Ich bezahle in sechs Wochen für 10.000 Aktien jeweils 100 Euro. Heute steht der Kurs auf 95 Euro, also wette ich letztlich, daß der Kurs dann deutlich über 100 Euro liegen wird. Jetzt kommt das Schöne dabei: Um die Aktien heute zu kaufen und so an den Kursgewinnen teilzuhaben, bräuchte ich 950.000 Euro. Steht die Aktie nach sechs Wochen auf 110 Euro, habe ich 150.000 Euro verdient, bei einem Kapitaleinsatz von 950.000 Euro – immerhin 15,8%. Für die Wette muß ich jedoch nur 5.000 Euro bezahlen – und erziele 100.000 Euro Brutto-Gewinn. Netto sind es 95.000, denn der Einsatz ist in jedem Fall weg. Das heißt, ich habe 1.900% Rendite eingefahren. Verlockend, nicht wahr? Aber katastrophal, wenn die Aktie in die falsche Richtung läuft.

Zu viele Friseure beseitigen sich relativ rasch selbst, das Sterben der Salons hat kaum Auswirkungen auf die Mitmenschen – bis auf die Leerstände. Zu viele Banken hingegen haben die Chance, sich für einige Zeit gegenseitig am Leben zu erhalten.

Jetzt kommen jene Anlagen, deren Einführung in früheren Zeiten als “Chuzpe” bezeichnet worden ist. Dabei haben diesmal gar keine Juden die Chuzpe gehabt, sondern US-Amerikaner. Als Bank habe ich ein zentrales Risiko: Ich nehme Geld vom einen Kunden an und leihe es einem anderen Kunden aus. Dazwischen stehe ich als Bürge, denn wenn der Entleiher nicht zurückzahlen kann, dann will der Anleger trotzdem sein Geld von mir zurück. Dafür wurde eine geniale Lösung entwickelt: ein Fonds. Die Bank nimmt ihre ganzen Kreditverträge und bündelt diese in einem Fonds. Die Anteile dieses Fonds werden anschließend an neue Kunden verkauft. Damit wird der Käufer dieses Fonds selbst zu einer Art Bank, die jenes Risiko trägt.

Für Sie als Kunde sieht es so aus, als hätten Sie eine Art Pfandbrief bekommen, eine werthaltige Forderung gegenüber Dritten. Natürlich alles ganz harmlos, weil Sie für Ihre 1.000 Euro die Kredite von 10.000 Schuldnern gekauft haben, deshalb ist die Anlage bombensicher, wenn nicht allzu viele davon Pleite gehen. Jetzt denken Sie bitte einen Augenblick nach: Warum sollte die Bank die Schulden von erstklassigen Kreditnehmern in einem Fonds auslagern? Die höchsten Einnahmen erzielen die Banken, wenn sie Zinsen kassieren. Im Fonds bekommt die Bank zwar ihre Verwaltungsgebühren, aber die sind geringer als die Zinsen. Statt der acht Prozent, die sie sonst einnehmen würde, bekommt sie nur drei Prozent Gebühren, fünf Prozent fließen an die Anleger. Nur sind die drei Prozent für die Bank völlig ohne Risiko, denn das tragen jetzt Sie als Anleger. Und natürlich nicht für acht Prozent, sondern für die verringerte Prämie von fünf Prozent.

Natürlich will ich den Banken jetzt nichts unterstellen, aber nehmen wir einmal einen hypothetischen Fall. Ein Sozialhilfeempfänger beantragt bei seiner Bank ein Hypothekendarlehen. Er hat kein Geld und kaum Einkommen, also würde jede vernünftige Bank über diesen Scherz freundlich lächeln und ablehnen. Aber jetzt gibt es ja diesen schönen Fonds… Die Bank finanziert die Hypothek, finanziert alle Gebühren und sogar die Zinsen für ein Jahr vor, vereinbart dafür allerdings höhere Zinsen. Jetzt wird dieser Kredit an den Fonds weitergegeben und die Käufer bezahlen die gesamte Kreditsumme. Die Bank bekommt so ihr Geld zurück, außerdem alle Gebühren und auch noch die vorfinanzierten Zinsen. Der Fondskäufer weiß natürlich nicht, daß da ein Kreditnehmer dahinter steckt, der ohne dieses Konstrukt keinesfalls eine Hypothek bekommen hätte, sondern er freut sich über die hohen Zinsen.

Das Spiel geht natürlich noch weiter: Wenn nicht alle Fondsanteile verkauft werden, bleibt der Bank ein Restrisiko. Aber was einmal funktioniert, funktioniert durchaus ein zweites Mal: Man bündelt die nicht verkauften Fondsanteile und ein paar andere schöne Dinge, die voraussichtlich kein Geld bringen werden, in einen weiteren Fonds, der natürlich das Risiko noch viel breiter streut.

Der Friseur kann Ihnen die Haare schneiden, einen Kamm und ein Duftwässerchen verkaufen, das war es dann. Deshalb ist der Friseur ein ehrbarer Handwerker. Die Banken können Ihnen wirklich tolle Produkte mit großartigen amerikanischen Namen verkaufen. Keine Sorge, Ihr biederer Bankberater, der weiß, wie ein Sparbuch funktioniert, täuscht Sie nicht absichtlich. Er bekommt von der Bankleitung einen Hochglanzprospekt und die Anweisung, daß er Ihnen das andrehen soll. Im Begleitschreiben stehen ein paar Argumente und vor allem die Provision, die dafür anfällt.

Die Führung der Bank weiß ebenfalls nicht, was sie da verkauft. Das sind zwar gestandene Bankiers, nur haben die eben ganz andere Sorgen. Da geht es um die Eigenkapitalrendite, die ihre Aktionäre erwarten, da gibt es die lieben Kollegen, die am eigenen Stuhl sägen, und noch liebere Kollegen, an deren Stuhl man selbst sägt. Diese Herren im fortgeschrittenen Alter sehen sich jungen, smarten Sockenverkäufern gegenüber, die sich mit dem “MBA”-Titel schmücken, aber nicht mehr als Marktschreier sind. Diese haben tragbare Computer dabei und veranstalten eine Multimedia-Präsentation, um den älteren Herren Dinge aufzuschwatzen, die in Übersee von Leuten entwickelt worden sind, die zwar gute Ideen haben, aber keinerlei Verantwortungsgefühl.

Selbst ehemalige Politiker in den Bankvorständen sind nicht wirklich doof. Sie werden nur schlicht und einfach schwindlig geredet und greifen schließlich zu, denn wenn es die Konkurrenz macht und damit viel Geld verdient, darf man nicht zögern. Am Ende gibt es noch eine schöne Tabelle, aus der sich leicht herauslesen läßt, wie aus einer Kanne Milch, die gerade zum Markt getragen wird, in überschaubarer Zeit ein ganzer Gutshof entsteht. Wer würde da nicht vor Freude hochspringen?

Stellen Sie sich jetzt bitte einmal einen schönen starken Eichenbaum vor, mit breiten, auslandenden Ästen, voller Saft und Kraft. Dieser Baum kann viele “Parasiten” ernähren, Friseure und Schullehrer, Schriftsteller und Ärzte, Politiker und Bankiers. Die Wertschöpfungskette, von den Wurzeln bis zur Krone, erlaubt Vögel ihren Nestbau, Spinnen ihre Netze, ernährt Käfer und Raupen, der Baum ist ein kleines Universum für sich, eine eigene kleine Ökonomie.

Drei bis sechs Vogelnester trägt dieser Baum spielend, aber was passiert, wenn die Vögel die Herrschaft übernehmen? Wenn sie anfangen, die Blätter auszurupfen und die kleinen Äste abzubrechen, um noch mehr Vogelnester unterzubringen? Am Ende ist der Baum kahl und trägt tausend Nester. Der Boden ist vom Vogelkot überdüngt, die entstehenden Säuren verstümmeln die Wurzeln. Ohne Wurzeln und Blätter wird der Baum zugrunde gehen. Das ist dann auch das Ende der Vogelnester.

Die Sekundärwirtschaft muß im Gleichgewicht zur Primärwirtschaft stehen. Heute erscheinen auf dem deutschen Mark 100.000 neue Bücher pro Jahr. Der “deutsche” Markt umfaßt weltweit vielleicht 200 Millionen potentielle Leser. Dies bricht sehr schnell auf 20 Millionen herunter, weil viele Menschen keine Bücher lesen und andere es vorziehen, Texte in der Originalsprache zu lesen, statt in mittelprächtiger Übersetzung. Brauchen wir also noch mehr Schriftsteller?

In der aktuellen Schuldiskussion wird immer wieder gefordert, kleinere Klassen einzurichten und mehr Lehrer einzustellen. Müssen wir deswegen gleich den Bestand an Lehrer verdoppeln? Brauchen wir so viele Lehrer, daß diese sich gegenseitig unterrichten? Wann haben wir genügend Ärzte? Welche Meßlatte müssen wir dafür anlegen? Die Lebenserwartung? Den Krankenstand? Die Zahl der verschriebenen Pillen oder deren Kosten?

Kein Land der Welt war bisher verrückt genug, seine Ökonomie auf Friseure, Lehrer, Ärzte oder Schriftsteller auszurichten. Die Schweiz und Liechtenstein waren hingegen Vorreiter, die als erste ihre Wirtschaft auf Bankwesen ausgerichtet haben. Das verschwiegene Schweizer Nummernkonto war schon vor 50 Jahren der Inbegriff der geheimnisvollen Geldgeschäfte. Kleiner, aber noch feiner, war Liechtenstein. Es war ein wenig wie im Mittelalter, mit ein paar jüdischen Geldverleihern in der großen Masse der arbeitenden Bevölkerung. Wurden es zu viele Juden oder diese zu mächtig, entdeckte man “Gottes” Wille oder ein paar andere unschöne Dinge und veranstaltete ein Pogrom, bei dem auf wundersame Weise immer die Schuldbücher verbrannten.

Was für Länder funktionierte, die man mit der Lupe auf dem Globus suchen muß, ging schief, als es die USA und Großbritannien versucht haben. Die Geldwirtschaft ist längst keine jüdische Domäne mehr, auch wenn einige populäre Vertreter dieser Glaubensgemeinschaft angehören, wie die zentralen Figuren des niedrigen Zinses, Alan Greenspan und sein Nachfolger Ben Shalom Bernanke.

Die Sekundärwirtschaft in Form der Banken hat einige Jahre gute Gewinne abgeworfen. Das ist wie bei unserer Eiche, die durch die vermehrten Vogelnester in der Anstiegsphase bestens gedüngt wird. Die Banken und ihre Ableger, vor allem die Hedgefonds, haben ständig neue Produkte geschaffen, die ein eigenes Lexikon benötigen, um sie in letzter Konsequenz zu erklären. “Knock-Out-Option”, “Asset Backed Security”, “Exchange Trade Fonds”, “Outperforming Certificate” – alles bestes Amerikaans und für jede Anlageform wäre ein Artikel wie dieser nötig, um sie einigermaßen zu erklären.

Nehmen wir als Beispiel die Temperatur um 12 Uhr Mittags. Tendenziell ist es im Winter kälter als im Sommer, das wissen wir. Nun können Sie im Januar einsteigen und auf steigende Temperaturen setzen, oder im August auf sinkende. Das ergibt kleine, aber sichere Gewinne. Sie können aber auch auf die Temperatur an einem bestimmten Tag wetten, auf die Geschwindigkeit des Anstiegs (Steigung, erste Ableitung), auf das jeweilige Maximum (Krümmung, zweite Ableitung), auf die Zahl der Tage über 20 oder unter 0 Grad, auf die Umsätze der Speiseeis-Verkäufer bzw. Heizöl-Händler (abgeleitete Produkte).

Ich bin sicher, Ihnen fallen noch viel mehr Werte ein, auf die man spekulieren könnte. Dabei ist der “Temperatur-Markt” noch ehrlich, weil kaum zu manipulieren. Aktienkurse hingegen unterliegen äußeren Einflüssen. Ein paar gut gestreute Gerüchte bewegen die Markt, eine Gewinnwarnung, die ein paar Tage zu früh erfolgt oder entsprechend verzögert wird – das verhagelt schon mal Wetten oder beschwert ihnen einen glücklichen Gewinn. Die Friseure können es nicht, aber eine Fondsgesellschaft verfügt über genügend Geld, um einen Aktienkurs passend zu einem Stichtag in die gewünscht Richtung zu treiben.

Als “Judenwirtschaft” wurde das Geldgewerbe gezielt anrüchig gemacht, “Bankiers” hingegen zu vornehmen, vertrauenswürdigen und hofierten Leuten hochgeschrieben. Der heutige “Banker” ist auf gut bayrisch ein “Gschaftlhuber”, der im Trüben fischt und auch schon mal die Fakten zu seinen Gunsten beschönigt. Es sind diese “Banker”, die undurchsichtige amerikanische Produkte verscherbeln, um unbedarften Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Die Sekundärwirtschaft hat große Länder in ihre Dienste genommen, mit desaströsem Ergebnis. Millionen Friseure können keinen derartigen Schaden anrichten, wie es tausend hochrangige Banker getan haben. Ein Herr Müntefering hat den Begriff “Heuschrecken” aufgebracht, für gewisse Finanzgesellschaften, die über florierende Unternehmen herfallen, diese ausschlachten und kahlfressen, worauf Arbeitslosigkeit und sterbende Städte zurückbleiben. Die richtig großen Heuschreckenschwärme sind jedoch die Banker, die überall Geld einsammeln und so ganze Landstriche kahlfressen.

Der Satz des Baron Rothschild: “Mein Lieber, Ihr Geld ist nicht weg, das besitzt jetzt nur ein Anderer”, trifft so nicht mehr zu. Dank der aberwitzigen Konstruktionen der Finanzwirtschaft verschwindet das Geld tatsächlich, denn der scheinbare Reichtum der Banker-Nationen basierte auf Pump. Was beim einen fehlt, ist beim anderen nicht vorhanden. Das Geld implodiert, verschwindet im schwarzen Loch der Finanzkrise.

Seit dem 20. Jahrhundert ist Geld jedoch kein Wert an sich mehr, sondern hauptsächlich Zahlen auf Papier, die mit dem Polizeiknüppel staatlicher und überstaatlicher Gewalt Wert verliehen bekommen haben. Ein Federstrich, ein Mausklick erschafft neues Geld, in beliebiger Menge. Geld, dem kein Wert mehr gegenübersteht, eine aufgeblähte, eine inflationierte Geldmenge. Geld im sichtbaren Wertverfall, das nötig ist, um die Schulden abzubauen, die zuvor angehäuft wurden.

Sie haben 200.000 Euro Schulden und beziehen Hartz IV? Ja, das ist ein Problem, wenn Sie gerade einmal 351 Euro im Monat bekommen. Das Problem schwindet, wenn Sie 35.000 Euro erhalten, es löst sich vollends auf, wenn Sie eine Million bekommen. Die Vogelnester auf dem Baum sind zu viele geworden, unablässig regnet der Dünger hernieder, der den Baum jedoch nicht mehr düngt, sondern absterben läßt. Staaten und Personen werden schuldenfrei, doch die Sparer verlieren alles, sie sich mühevoll erarbeitet hatten.

Diese Art Sekundärwirtschaft ist eine Parasiten-Wirtschaft, mit Parasiten, die sich von ihrem Wirt nicht bloß ernähren, sondern diesen aussaugen und schließlich umbringen. Judenwirtschaft? Nein, nicht wirklich, sondern nur das, was Hetzschreiber als solche deklarieren würden. Die Primärwirtschaft ist die Wertschöpfungskette, die alle unterhält, die nur nützliche und unterstützende Tätigkeiten ausüben. Vom Bauern bis zum Einkaufsladen erstreckt sich die Kette der Nahrungsversorgung, vom Bergwerk bis zum Vertrieb eines Maschinenbauers, zum Autohändler oder zum Kaufhaus, das Küchenmesser anbietet, die Kette der Güterversorgung. Der Maurer ist unverzichtbar, der Friseur nicht. Wir brauchen Lehrer, Ärzte, Schriftsteller – und ja, auch Bankiers. Allerdings nicht zu viele davon, und bestimmt keine Banker, die gegen eine ausreichende Rendite sogar ihre Großmutter verscherbeln würden.

Länder, die ihre Primärwirtschaft ausgelagert (“outgesourced”) haben, zu Gunsten der Sekundärwirtschaft, werden dafür einen hohen Preis bezahlen, bis hin zu ihrem Untergang als Nation. Eine Prise Salz würzt und verbessert jedes Essen, aber blankes Salz ist ungenießbar, ja tödlich. Der alte Satz von Ludwig Erhardt, “Maß halten”, gilt heute so sehr wie damals. Ein Friseur kann sie schneiden, er kann dafür sorgen, daß Sie sich wochenlang nur mit Wollmütze unter Menschen trauen – der Banker hingegen kann sie ruinieren. Und, wie es aussieht, haben die Banker uns alle in den letzten Jahren tatsächlich ruiniert.

Wenn der Baum stark genug ist, wird er es überstehen, wenn die Vogelnester entfernt werden und der Boden vom Vogelkot gesäubert wird. Er treibt neue Blätter und neue, dünne Äste aus, wird ganz sicher stärker und prächtiger heranwachsen. Ist der Baum zu schwach, wird ihn der nächste Wintersturm fällen, dann wird an seinem Platz Neues ents

Michael Winkler

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