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30. July 2010

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Michael Winkler: Biedermeier

winkler

Wenn das Wort Biedermeier fällt, ruft das bei mir sofort die Jahreszahl 1830 ab, sowie ein Gemälde, bei dem ein wohlbeleibter Mann mit Zylinder, gefolgt von Frau und Kindern, durch ein Feld spaziert. Das Biedermeier folgte auf die Befreiungskriege, es liegt zwischen den Napoleonischen Kriegen und der Industrialisierung. Wenn man es mit zwei Ereignissen eingrenzen möchte, dann folgte es nach dem Wartburgfest von 1817 und endete mit dem Revolutionsjahr 1848, also dem Parlament in der Paulskirche.

Ansonsten gibt es Biedermeier beim Antiquitätenhändler, in Form von schweren Möbeln, deren Prestigewert den Gebrauchswert deutlich übersteigt. Die Deutschen (einschließlich der Österreicher) waren damals brav und bieder. Vermutlich haben sie das damals sogar als Lob empfunden, heute hat sich “bieder” nur im Begriff “anbiedern” erhalten, doch auch hier wird es immer mehr durch das zeitgemäßere “anwanzen” ersetzt.

Brav und bieder… “Brav” war ich vor vielleicht 45 Jahren, diese Eigenschaft wird zumeist mit Kindern und Hunden verbunden, wenn sie sich ruhig, sittsam und gehorsam verhalten. Dabei hatte das Wort einstmals viel mit seinem englischen Verwandten gemein, wenn Friedrich der Große seine Soldaten als “brave Jungs” bezeichnet hat, meinte er weniger das heutige “brav”, sondern viel mehr das englische “brave”, er sprach also von tapferen Kerlen. Wobei diese tapferen Kerle ganz brav seine Befehle ausgeführt und gegenüber ihren Gegnern auf dem Schlachtfeld alles andere als liebenswürdig gewesen waren.

Wenn heute jemand “bieder” genannt wird, schwingt darin der Dorftrottel mit, der sich aus Mangel an Geistesgaben bieder verhält. Der Biedermann ist der treue Untertan, der sich aus den Geschäften der Obrigkeit heraushält, keine Ansprüche stellt, nicht aufbegehrt und niemals revoltiert. Bieder bedeutet folglich bescheiden, häuslich zurückgezogen, friedlich, unterwürfig und gehorsam. Der Biedermann zieht den Hut, wenn der König in seiner Prunkkutsche vorüberbraust, und weiß nicht, wie unterwürfig er antworten soll, wenn Seine Majestät ihn tatsächlich ansprechen sollte.

In einem Punkt ist das Biedermeier jedoch schon recht modern: Es ist die erste Periode des städtischen Bürgertums. Rokoko, Barock – das waren Zeiten des Adels und der Bauern, in denen die Städte noch weitgehend ihre mittelalterliche Rolle ausgeführt haben, als Handelszentren und als der Ort, an dem die großen Kirchen standen. Im Biedermeier entstand das Bildungsbürgertum, die Universitäten wuchsen, Kunst und Kultur erreichten die breiten Bürgerschichten. Zuvor hatten Maler für den Adel und für die Kirche gemalt, Musiker für Adel und Kirche komponiert. Durch Napoleon hatte die Kirche viel von ihrem Besitz verloren, im Rahmen der Säkularisation wurden die Fürstbistümer aufgelöst und zahlreiche Klostergüter vom Staat übernommen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation gab es nicht mehr, die zahllosen Kleinfürstentümer und reichsfreien Gebiete waren in größere Verwaltungseinheiten aufgegangen.

Beim alten Fritz haben Deutsche noch munter aufeinander geschossen, gegen Napoleon sind die Deutschen zuletzt gemeinsam gezogen. 1815 waren “wir” alle Deutsche, das Wartburgfest und noch mehr das Hambacher Fest atmeten den Geist der deutschen Einheit, den Wunsch nach einem deutschen Nationalstaat. Aus dunkler Sklaverei (napoleonische Besetzung) durch blutigen Kampf (Befreiungskriege) in die goldene Zukunft (das neue Reich), das war der Farbenspruch zur Gold-Rot-Schwarzen Fahne, mit der das Volk mitten im Biedermeier 1832 zum Hambacher Fest gezogen ist. Das Volk, die politisch aktiven Kreise, junge Studenten und Veteranen des unvergessenen Krieges, sie alle wollten den ganzen Schritt, gewissermaßen jene Befreiung, welche die französische Revolution von 1789 versprochen hatte, für den Aufbruch zu einem neuen Deutschland nutzen.

Nur, leider, war die Obrigkeit noch nicht so weit. Die neuen Könige, die Napoleon installiert hatte, freuten sich über ihre größeren Reiche, deshalb wurden solche abwegigen Ideen erst einmal unterdrückt. Gold-Rot-Schwarz wurde verboten. Damals waren die Leute weniger verbissen, sie haben die Fahne auf den Kopf gestellt und erklärt, das sei ja jetzt etwas völlig Anderes. Und ja, die Obrigkeit hat das akzeptiert. Übrigens, es gibt ein Gemälde vom Hambacher Fest, das im Internet eingesehen werden kann. Auf dem Gemälde sind die Farben richtig herum, das Schwarz ist unten. Die Deutsche Post AG hat eine Briefmarke im Wert von 1,45 Euro herausgebracht und dieses Gemälde darauf reproduziert – mit der kleinen Detailkorrektur, daß dort das Schwarz überall oben ist. Geschichte ist eben nicht für das breite Volk bestimmt, vor allem Wahrheiten dürfen nur in kleinsten Dosen einfließen.

Würzburg war früher eine Residenzstadt, die Hauptstadt eines Fürstbistums. Betrachten Sie eine Landkarte, dann sehen Sie links neben Nürnberg eine Stadt namens Fürth. Fahren Sie von Nürnberg nach Fürth, merken Sie nur am Straßenschild, daß die eine Stadt aufhört und die andere anfängt. Auf ältern Landkarten finden Sie rechts unten neben Würzburg ebenfalls eine eigene Stadt namens Heidingsfeld. Das war früher eine freie Reichsstadt, also für die Würzburger Ausland. Heute ist es ein Stadtteil von Würzburg, so wie Pasing ein Stadtteil von München geworden ist. Nach 1815 waren Würzburg und Heidingsfeld keine “Staaten” mit eigener Regierungsgewalt mehr, die Zuständigkeiten lagen im München, beim Königreich Baiern, noch ohne Ypsilon. Viele Hof- und Stadtbeamten hatten nichts mehr zu tun, sie wurden zu den städtischen Bürgern des Biedermeiers. Und als vormalige Beamte brachten sie die erforderlichen Eigenschaften mit: sie waren brav und bieder.

Aus diesem Reservoir speiste sich das neue Bürgertum. Ehemalige Hofbeamte trugen die Kultur in die Bürgerschicht, sie schickten ihre Söhne auf Universitäten, um sie für eine bürgerliche Karriere akademisch ausbilden zu lassen. Oswald Spengler unterscheidet zwischen “Kultur” und “Zivilisation”, in diesem Sinn war das 19. Jahrhundert, beginnend mit dem Biedermeier, der Höhepunkt der Kultur, bevor im 20. Jahrhundert die Zivilisation ausgebrochen ist.

Das Bürgertum gewann an Wirtschaftskraft und Bedeutung, von der Regierung, von der Macht war es jedoch isoliert. Um es griffig zu formulieren: Die Fürsten versuchten, das 18. Jahrhundert fortzusetzen, die Bürger das 20. Jahrhundert vorzuziehen. Die Politik fand im Hinterzimmer statt, bespitzelt von Denunzianten der Obrigkeit. Offiziell blieben die Bürger brav und bieder, unter der Oberfläche begann es langsam zu brodeln. 1848 entlud sich die Spannung in einer Revolution, die jedoch unterdrückt worden ist. Die Obrigkeit hatte gewonnen, aber sie hat die Zeichen der Zeit verstanden. Das Deutsche Reich wurde vorbereitet und 1871 tatsächlich gegründet – allerdings von oben, nicht wie 1848 erstrebt von unten.

Geschichte wiederholt sich nicht, laut einem gängigen Lehrsatz. Doch sie verläuft in Parallelen. Die Parallele zur französischen Revolution von 1789 ist die “Studentenrevolte” von 1968. In Frankreich wurde mit “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” ein blutiges Unterdrückungssystem geschaffen, in dem jeder Ansatz von Freiheit der gleichmacherischen Konformität einer angeblichen Brüderlichkeit geopfert wurde. 1968 sollte “der Muff von tausend Jahren” verschwinden, beseitigt wurde ein hocheffizientes Bildungssystem. In Frankreich wurden die Demagogen zu Lenkern des Staates, Ellbogenartisten, die buchstäblich auf den Leichen ihrer Mitrevolutionäre nach oben geklettert sind, ohne dafür qualifiziert zu sein. In der BRD beschritten die 68er den “Marsch durch die Institutionen”, bei dem ebenfalls die brutalsten Ellbogenartisten nach oben gekommen sind. Oh, ein “Joschka” Fischer hat Petra Kelly nicht aufs Schafott geschickt, doch das einstige Aushängeschild der grünen Partei ist trotzdem tot.

Die Revolutionäre von 1789 wollten das Altüberkommene durch ihre eigenen Ideen ersetzen. Sie haben den bewährten Kalender abgeschafft, nicht nur den König, sondern auch gleich Gott vom Thron gestoßen. Die Kirche wurde vom tragenden Element des Staates zu einem buntern Privatverein degradiert, das neue Scheidungsrecht griff mit der Familie die kleinste Zelle des Staates an. Die “Bürger” waren alle gleich, nur die orwellschen Schweine, die Revolutionsführer, waren gleicher. Regiert wurde nicht mehr mit dem Zepter, sondern mit der Guillotine…

1968 blieben uns Pulverdampf und Blutbad erspart, der Psychoterror der “Political Correctness” und des “Gender Mainstreaming” wird erst jetzt so richtig entfesselt. Über Jahrhunderte hatte sich niemand an Negern und Mohren gestört, heute müssen Negerküsse und Mohrenköpfe in Schaumküsse umbenannt werden. Zigeunerschnitzel darf noch auf die Speisekarte, aber die Namensgeber sind nur noch als Sinti und Roma zulässig. Frauen sind inzwischen die Schweine aus Animal Farm, denn vor lauter Gleichmacherei sind sie immer gleicher als Männer. Freie Meinungsäußerung bedeutet, daß jeder die Freiheit besitzt, die herrschende Meinung zu äußern. Die Wächter der Wortwahl betreiben das Geschäft der früheren Zensoren, die Gleichstellungsbeauftragten sind die Fußtruppen der Revolution, die den Terror in jeden Winkel tragen. Rein biologisch ist Homosexualität eine Verirrung, ein Ausbruch aus dem zur Arterhaltung nötigen Fortpflanzungszyklus. Was eine private Entscheidung sein sollte, wird heute wie eine Ruhmestat vor sich hergetragen – Ich bin schwul, und das ist gut so! Die Opfer der Revolution sterben nicht auf dem Schafott, sondern in den Abtreibungskliniken.

Oh ja, Europa führt Krieg, nicht erst seit die angeblichen Pazifisten unter Schröder und Fischer Bosnien bombardiert und Afghanistan angegriffen haben, sondern weitaus blutiger. Die sichtbaren Opfer, in Gaza und im Irak, in Afghanistan und in Pakistan, sind nur die Spitze des Eisbergs. Gestorben wird vor allem in Afrika, nicht an Kugeln, sondern an Hunger. Der Holocaust ist heilig, unantastbar, der Name dieses Gottes darf nirgendwo mißbraucht werden, wo es seine Hohepriester für unstatthaft halten. Die Zahl der Opfer ist gesetzlich festgeschrieben, wer weniger als sechs Millionen behauptet, “leugnet” bereits. Wenn jedes Jahr in Afrika 30 Millionen Menschen verhungern und an Krankheiten sterben, interessiert das keinen. Es ist kein Denkmal wert, keine Feierstunde im Bundestag, höchstens mal einen winzigen Zeitungsartikel und zu Weihnachten einen kleinen Spendenaufruf.

Das neue Wartburg-Fest hat längst stattgefunden, am 9. November 1989. Da herrschte Aufbruchstimmung im Volk, da erschien das neue, das bessere Deutschland greifbar nahe. Doch statt einer goldenen Zukunft kamen Kohl und Genscher, die jede Chance auf Besserung zu Gunsten einer miefigen Restauration verspielt haben. Statt Schlesien, Pommern und Ostpreußen heimzuholen, haben diese Herren die D-Mark dahingegeben, angeblich als Preis für eine Einheit, die zu dem damaligen Zeitpunkt gar nicht mehr zu vermeiden gewesen war. Die Zweistaaten-Lösung, von der damals Thatcher und Mitterand gefaselt haben, wäre binnen Monaten zusammengebrochen, dann hätten England und Frankreich sehr viel darum geben müssen, um Deutschland zu stabilisieren. Ein weitblickender Staatsmann hätte das ganz klar erkannt, nicht aber Kohl, Genscher, Lafontaine und die anderen Schmalspur-Parteifunktionäre.

Das Hambacher Fest liegt auch schon hinter uns, es war am 3. Oktober 1990, als Feierstunde einer Fahne, die uns aus goldener Vergangenheit (deutsches Kaiserreich) durch aufgezwungene blutige Kämpfe (in zwei Weltkriegen) in die Versklavung der Gegenwart (Besatzerregime BRD) geführt hat. Die Neuauflage dieses Hambacher Festes war der Abschied von der Demokratie und der Mitsprache in der Politik, das Kennzeichen eines neuen Biedermeiers. Nur leider eines, in dem Kultur und Bildung nicht aufblühen, sondern unterdrückt werden. Denn Unwissenheit ist schließlich Stärke – die Stärke der Unterdrücker. Die Herren Kohl und Genscher ließen sich für ihr Versagen feiern.

Das Biedermeier ist voll ausgebrochen. “Hinterwurmlochhausen ist bunt” – solche Sprüche ersetzen eine politische Aussage. Natürlich sind alle biederen Albert Meiers gegen Rechts, so wie sie keinerlei Interesse an ihren Rechten haben. Sie bescheiden sich mit sinkenden Reallöhnen und finden, daß der jeweilige Kanzler einen tollen Job mache, weil ihm oder ihr ab und zu einmal eine Aussage entwischt, die dem Albert Meier gefällt. Der überwiegende Rest wird ausgeblendet, das interessiert den biederen Meier nicht, da schaltet er um, auf Fußball oder Gottschalk, auf Jauch oder Musikantenstadl.

Die biederen Meiers wählen ohne nachzudenken noch immer CDU, oder sie wählen gleich gar nicht, weil die da oben ja doch machen, was sie wollen. Im alten Biedermeier erfolgte die Politikverweigerung im Hinterzimmer, wo sich wohlsituierte Bürger an Stammtischen getroffen haben, um ein bißchen über verbotene Themen zu diskutieren. Im jetzigen Biedermeier treffen sich die Wahlverweigerer im Internet in Chatrooms, um sich gegenseitig zu versichern, daß sie als die besseren Deutschen dem System die Stimme verweigert hätten.

Die Obrigkeit konnte und kann mit den biederen Meiers wunderbar leben. Ob heute 95% oder nur 5% der Bürger zur Wahl gehen, ändert nichts an den Diäten, der Zahl der Pöstchen und den Dienstwagen, die nach der Wahl verteilt werden. Und wenn die zahmen Trottel von Untertanen ungültig wählen, ist das auch in Ordnung. Die Stimmen fallen unter den Tisch, dort liegen sie gut, da kann man die Füße draufstellen. Stören würde es höchstens, wenn sich die Meiers zusammenrotteten, massenhaft in die etablierten Parteien einträten und dort die Politiker daran hindern, sich selbst auf die Wahllisten zu setzen. Damit das nicht passiert, setzt man ein paar widerliche Leute an die Spitze, die solche Alberts zuverlässig davon abhalten, in die Parteien zu drängen.

Im alten Biedermeier genügte ein Spaziergang im Feld, heute muß es eine Fernreise sein. Saufen wir uns die Welt auf Mallorca schön, feiern wir in der Karibik, weil es in Vierzonesien nichts zu feiern gibt. Malediven, Seychellen, Mauritius, Thailand – es gibt so viele Orte, an die diese biederen Meiers ein paar Tage flüchten, anstatt ihr eigenes Land zu ordnen und lebens-, sowie liebenswert umzugestalten.

Das Biedermeier ist der Versuch, sich mit dem Rückzug auf die private Idylle dem Sturm der Zeit zu entziehen. Das Biedermeier war eine Zeit des Nicht-mehr und zugleich des Noch-nicht. Die alte Welt der Doudez-Fürsten, der winzigen Residenzstädte mit ihren unbedeuteten Hofschranzen, mit der mächtigen Kirche und den untertänigen und unwissenden Landleuten, war im Feuer der Franzosen untergegangen. Die neue Welt der Industrie, die Zeit des Welthandels und der Kolonialreiche, mit den gesichtslosen Arbeitermassen, sie war noch nicht wirklich angebrochen.

Was ist heute das “Nicht-mehr”? Was wir tatsächlich nicht mehr haben, ist Demokratie. Sie hat sich in den Kohl-Jahren aufs Sterbebett gelegt, beim Wechsel zu Schröder in letzter Agonie aufgebäumt und wartet seitdem auf die offizielle Beerdigung. Demokratie lebt von der Vielfalt, sie lebt vom Wählerwillen. Aber welche Vielfalt, welche Wahl haben wir denn noch? Die Programme der Parteien geben nichts mehr her, FDP und SED mögen Gegenpole sein, erkennen läßt sich das aber nur an den Personen, nicht an den Inhalten. In der Frühzeit der BRD konnte man Visionen wählen, Marktwirtschaft oder Planwirtschaft, Freiheit oder Sozialismus. Solche Parolen sind längst verstummt, sie gehören in eine ferne Vergangenheit.

Damals waren Politiker Laien, hochgespült durch die Weltereignisse, heute sind es Profis, die nichts anderes kennen als Parteiarbeit und Parteifunktionen. Von der Schulbank in den Kreisvorstand, von der Uni in den Bundestag – solche Karrieren kennzeichnen heute die Funktionäre. Einen wirklichen Beruf haben sie, wenn überhaupt, nur kurz ausgeübt. Der Funktionär ist der Kollege des Funktionärs, der Kollege aus der “feindlichen” Partei steht einem immer noch näher, als die Wähler da draußen, die ihre Stimme abgeben und dann keine mehr haben, oder noch nicht einmal versuchen mitzureden. Die Idee vom Volksvertreter stammt aus der Zeit vor dem Biedermeier, vor dem alten Biedermeier, wohlgemerkt. Die Idee vom Parteifunktionär stammt aus dem Kaiserreich, wo sich Arbeiterführer nicht mehr durch seine Arbeit ernährte, sondern dafür bezahlen ließ, daß er andere Arbeiter führte. Folglich läßt sich der heutige Volksvertreter vom Volk bezahlen, mit einer ausgeprägten Vollkasko-Mentalität

Ganz offiziell haben Politiker mittlerweile verkündet, daß Aussagen in den Wahlprogrammen alles andere als verbindlich seien. Vor der Wahl ist vor der Wahl, nach der Wahl wird überlegt, was getan werden soll. Anschließend erklärt man dem Volk, daß dies der beste Kompromiß aus dem sei, was man versprochen habe und was möglich sei. Eine Ehe war früher ein Zweckbündnis auf Lebenszeit, bei dem jeder seine Rolle kannte. Heute ist eine Ehe ein juristischer Akt, bei dem Anwälte Verträge aushandeln, bevor sie besiegelt werden kann. Früher haben sich Koalitionäre auf die Ziele geeinigt, die sie erreichen wollten, und dann mit der Arbeit angefangen. Heute wird ein umfangreicher Koalitionsvertrag ausgearbeitet, in dem alle Ideen enthalten sind, die im Lauf der Legislaturperiode abgearbeitet werden sollen. Neue Ideen, neue Visionen sind unerwünscht, bestenfalls wird ein wenig improvisiert.

Volksvertreter sind Beamte der Macht geworden, mit einem geregelten Dienstvertrag, in dem penibel festgelegt ist, wann ein Dienstwagen benutzt werden darf, welche Vergünstigungen und Sonderleistungen bezahlt werden und welche Nebentätigkeiten zulässig sind. Kreativität belastet die Kollegen, im Koalitionsvertrag ist sie nicht vorgesehen. Das Ergebnis sind absolut graue Mäuse, Personen ohne wirkliche Eigenschaften. Die Kanzlerin ist die Person mit den grellbunten und zu engen Hosenanzügen, mit dem Zweitwohnsitz im Kanzler-Airbus, der alte Vizekanzler ist das weißhaarige Sinnbild eines trögen Beamten, das es nicht wagt, direkt in die Kamera und dem Zuschauer ins Auge zu blicken, der neue Vizekanzler ist der schwule Spaß-Guido, von dem niemand wirklich etwas erwartet und der das wahrscheinlich auch einhält. Personen mit Ecken und Kanten sind nicht erwünscht, nur rundgeschliffene Funktionäre kommen nach oben.

Was wir ebenfalls nicht mehr haben, ist die Meinungsvielfalt. Ob Springer oder Bertelsmann, ob Süddeutsche oder SPIEGEL – einen Unterschied im Inhalt sucht man vergebens. Ob BILD oder TAZ – der Meinungs-Einheitsbrei ist der gleiche, höchstens hier ein Körnchen mehr Salz und da ein Körnchen Paprika. Und was in der Zeitung steht, flimmert über die Bildschirme und tönt aus den Radios. Wer eine Zeitung aus München kauft, findet dort kaum etwas, was nicht genauso in der Zeitung aus Hamburg steht, Berlin verbreitet die gleiche Meinung wie Köln.

Die Meinung des Volkes interessiert nicht. Wie einst im Biedermeier ist der vormalige Souverän zum Untertanen degradiert, zur Schafherde, die von der Weide zur Schur und zur Schlachtung geführt wird, ob sie nun blökt oder nicht.

Und was ist das “Noch-nicht”? Wer kann das sagen, denn das betrifft die Zukunft. Ein besseres Deutschland, ein goldenes, augusteisches Zeitalter? Eine Welt, befreit von den Lügen der Besatzermächte? Eine Welt, in der jener Materialismus überwunden ist, der uns die Kriege des 20. Jahrhunderts beschert hat? Eine Welt, die eine zweite Chance bekommt, jenseits des Amerikanismus’?

Das Biedermeier hat die Kräfte unter Kontrolle gehalten, sie gestaut bis zur Explosion, die 1848 einen ersten Vorgeschmack auf ein geeintes Deutschland herbeigeführt hatte? Kräfte, eine riesige Woge, an deren Spitze sich damals Preußen gesetzt hatte, um so diese Kräfte in sinnvolle Bahnen zu lenken?

Das Biedermeier wurde nicht von den Alberts beendet, nicht von den biederen Meiers, die sich angepaßt und auf die Beteiligung am Staat verzichtet hatten. Jene Leute, die trotz allem weiter gedacht haben, die jenseits der Familienidylle Visionen entwickelt haben, brachten schließlich das zuwege, was auf der Wartburg und in Hambach nur geträumt worden war. Die scheinbare politische Stumpfheit des Biedermeiers hat die Leistungen und die Fortschritte des Kaiserreiches vorbereitet. Aus den biederen Meiers sind danach gute Untertanen des deutschen Kaisers geworden.

Heute stehen wir vor der gleichen Situation. Nicht das Kritisieren der bestehenden Verhältnisse wird uns weiter bringen, nicht das Schimpfen auf das System die Probleme lösen, sondern das Denken über diese Schwierigkeiten hinaus. Jeder entscheidet selbst, ob er der 476. Albert einer Schafherde sein möchte, brav, bieder und zur Schur bereit, oder auf die Seite der Wölfe wechseln will, vor denen sich die Schafe fürchten. Nicht die Hütehunde finden neue Weidegründe, sondern die Wölfe. Die Revolution von 1848 ist nicht gescheitert, sondern hat das Reich von 1871 herbeigeführt.

Und den Schafen ging es danach besser als je zuvor…

Michael Winkler

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