Manchmal kommt es in dieser Republik vor, daß eigentlich recht systemtreue Menschen für Meinungsverbrecher gehalten werden, weil sie unbeabsichtigt eine Armbewegung machen, die im “freiesten Staat auf deutschem Boden” verboten ist. Vor ein paar Jahren trafen wir beim Verfassungsschutz (Stasi-West) einen jungen Mann, der während eines Fußballspiels einem seiner Mitspieler signalisierte er solle ihm den Ball zuspielen. Er tat dies mit erhobenem Arm, was ein Zuschauer dazu nutzte ein Foto zu schießen. Das Foto landete schließlich samt Anzeige bei der Stasi-West, die ihn erstmal richtig in die Mangel nahm. Zu seinem Unglück fand man nämlich heraus, daß einer seiner Freunde NPD-Mitglied sei und er ja auch auf der Arbeit mal einen Streit mit einen türkischen Arbeitskollegen hatte. Auch wenn wir Mitleid mit dem jungen Mann hatten, war es uns doch irgendwie ein Genuß zu sehen, wie schnell sein Glauben an dieses System BRD in sich zusammenbrach. Ähnlich erging es auch dem Bielefelder Diplom-Pädagogen Raimund Ottinger, wie die Märkische Allgemeine berichtet:
Die Stimmung im Kleinbus aus Bielefeld ist ausgelassen. Autobahndreieck Nuthetal – gleich ist die Reisegruppe aus Westfalen in der Bundeshauptstadt. Man lernt sich kennen, alle reden durcheinander, berichten von Urlaubserlebnissen. Auch Fahrer Raimund Ottinger erzählt seinem Beifahrer gestenreich von einer Wildwasserkajaktour: „Und dann sind wir so den Fluss runtergeschossen und so wieder rauf.“ Die rechte Hand schnellt ruckartig in die Höhe. In genau diesem Moment blitzt es. Eine Radarfalle. Mit dem Foto beginnt für Ottinger eine unglaubliche Geschichte.
(…)
Gut zwei Wochen später bekommt Ottinger einen Anruf auf dem Handy: Ein Polizeibeamter aus Bielefeld erklärt ihm, er ermittle „in der Bußgeldsache“ und wolle ihn fragen, wie er sich die Armbewegung auf dem Foto erkläre. „Ich wusste gar nicht worum es ging, hatte keinen Bußgeldbescheid vorliegen und fragte, woher der Polizist meine Handynummer hatte,“ so Ottinger. Die habe er bei der Leihwagenfirma in Erfahrung gebracht, so der Beamte. Und nun solle er bitte Stellung nehmen zu dem Foto, das ihn eindeutig mit Hitlergruß zeige.
Langsam dämmert es Raimund Ottinger: „Mein Beifahrer hatte damals gleich gesagt: ’Das wird bestimmt ein blödes Foto!’“ Der Pädagoge klärt den Polizeibeamten über die Situation im Auto auf und beteuert, dass so etwas selbstverständlich wider seine Gesinnung sei. Lachend habe der freundliche Beamte ihm erklärt, dass sich seine Aussage mit den Angaben der Leihwagenfirma decke und die Sache damit erledigt sei. „Ich gebe das dann so nach Brandenburg weiter. Nicht, dass noch der Staatsschutz aktiv wird“, habe der Polizist hinzugefügt.
Doch dass schon Erkundigungen über ihn eingezogen wurden, bevor er überhaupt den Bußgeldbescheid erhalten hatte, lässt Ottinger stutzen. Er erfährt, dass die Polizei auch an seiner Arbeitsstelle Nachforschungen angestellt hat.

Wahnsinn kommt vor dem Fall…
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