Henryk Broder: Im Mauseloch der Angst

3. Januar 2010 in Deutschland, Europa, Multikultur

Dieses Wochenende versuchte ein somalischer Islamist den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard zu ermordern. Die Reaktionen der islamischen Welt auf die Karikaturen Westergaards waren vergleichbar mit den Reaktionen auf Salman Rushdies Buch “Die Satanischen Verse” aus dem Jahre 1988. Islamische Staaten setzten Kopfgelder auf Rushdie und all jene aus, die versuchten das Buch zu vertreiben, was in der Ermordung eines japanischen Übersetzers ihren Höhepunkt fand. Deutsche Verleger weigerten sich aufgrund der anhaltenden Drohungen sogar völlig das Buch zu veröffentlichen, bis der Schriftsteller Günther Grass einen eigenen Verlag anstieß um das Buch der Öffentlichkeit dennoch zugänglich zu machen. Der Autor Henryk Broder stellt einen überaus interessanten Vergleich zwischen beiden Vorfällen an, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen:

17 Jahre später, nachdem die dänische Tageszeitung “Jyllands-Posten” auf einer Seite ein Dutzend Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte, kam es in der islamischen Welt zu ähnlichen Reaktionen: Millionen Muslime zwischen London und Jakarta, die keine der Karikaturen gesehen oder auch nur den Namen der Zeitung je gehört hatten, demonstrierten gegen die Beleidigung des Propheten und verlangten die angemessene Bestrafung der Übeltäter: mit dem Tode. Osama bin Laden ging so weit, die Auslieferung der Zeichner zu verlangen, um sie von einem islamischen Gericht aburteilen zu lassen.

Doch anders als im Falle von Rushdie solidarisierte sich diesmal kaum jemand mit den bedrohten dänischen Karikaturisten. Im Gegenteil. Günter Grass, der die ARTIKEL-19-Aktion angestoßen hatte, äußerte sein Verständnis für die verletzten Gefühle der Muslime und die daraus resultierenden gewalttätigen Reaktionen; diese seien, so Grass, eine “fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat”, womit er eine Äquidistanz zwischen den zwölf Karikaturen und den Mordaufrufen auf die Karikaturisten herstellte. Bei der Gelegenheit wurde Grass auch grundsätzlich: “Wir haben das Recht verloren, unter dem Dach auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.”

Der damalige britische Innenminister Jack Straw nannte die Veröffentlichung der Karikaturen “unnötig, unsensibel, respektlos und falsch”. Der “Vorwärts”, das Organ der SPD, verteidigte die Meinungsfreiheit im Allgemeinen, meinte aber, in diesem speziellen Fall würden die Dänen die Freiheit “missbrauchen, nicht im rechtlichen, aber im politischen-moralischen Sinne”.

(…)

Es war, als würden Blinde über Kunst, Taube über Musik und Eunuchen über Sex diskutieren – vom Hörensagen, denn abgesehen von “taz”, “Welt” und “Zeit” waren alle deutschen Zeitungen und Magazine der Empfehlung von Claudia Roth gefolgt – “Deeskalation beginnt zu Hause” – und hatten auf einen Abdruck der Karikaturen vorsorglich verzichtet. So wie es auch der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter geraten hatte: “Der Westen sollte alle Provokationen unterlassen, die Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorrufen…” Wobei Richter offen ließ, ob “der Westen” auch das Tragen von Miniröcken, den Genuss von Schweinefleisch und die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unterlassen sollte, um keine Gefühle von Erniedrigung und Demütigung in der islamischen Welt hervorzurufen.

Wären die Mohammed-Karikaturen flächendeckend in der deutschen Presse nachgedruckt worden, hätten die Zeitungsleser sich selbst ein Bild machen können, wie exzessiv harmlos die zwölf Zeichnungen waren und wie bizarr und gegenstandslos die ganze Debatte, statt die Beurteilung “Experten” zu überlassen, die jede Kritik am Papst und der Kirche, jede blasphemische Kunstaktion im Namen der Meinungsfreiheit verteidigen, im Falle der Mohammed-Karikaturen allerdings plötzlich der Ansicht waren, man müsse auf religiöse Gefühle anderer Menschen Rücksicht nehmen.

Das freilich war nur eine Ausrede, eine Art Mauseloch der Angst. Denn zwischen der Rushdie-Affäre und dem Karikaturen-Debakel war einiges passiert: 9/11, die Anschläge von London, Madrid, Bali, Jakarta, Djerba, die von manchen Kommentatoren ebenfalls als Ausdruck der Erniedrigung und Demütigung der islamischen Welt durch den Westen interpretiert wurden. Vor dieser Drohkulisse schien es vernünftiger und vor allem sicherer, “Respekt” vor religiösen Gefühlen zu bekunden als auf dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu bestehen.

Das Recht zu beleidigen ist wichtiger als der Schutz vor Beleidigung

Und es waren nur wenige, die aus der Reihe tanzten, der britische Komiker Rowan Atkinson (“Mr. Bean”) erklärte, “das Recht zu beleidigen” sei “sehr viel wichtiger, als das Recht, nicht beleidigt zu werden”, die aus Somalia stammende und damals in Holland lebende säkulare Muslimin Ayaan Hirsi Ali schrieb ein Manifest, das mit den Worten begann: “I am here to defend the right to offend.”

Aber das waren Ausnahmen. Sogar der damalige französische Präsident, Jacques Chirac, vergaß vorübergehend, dass er die “Grande Nation” vertritt, zu der auch Sartre, Voltaire und Victor Hugo gehören, und dekretierte, dass “alles, was den Glauben anderer, zumal den religiösen Glauben, beleidigen könnte, vermieden werden muss”.

So begann die geforderte “Deeskalation” nicht nur “zu Hause”, sie endete auch vor der eigenen Haustür. Denn die andere Seite denkt nicht daran zu deeskalieren. Die Fatwa gegen Salman Rushdie ist immer noch in Kraft, der Mordanschlag gegen Kurt Westergaard war nicht der erste Versuch, ein Todesurteil zu vollstrecken, dem keine Straftat zugrunde liegt. Der Islam mag in der Theorie eine “Religion des Friedens” sein, die Praxis sieht anders aus.

Mitten in Berlin lebt eine deutsch-türkische Rechtsanwältin, die vor kurzem abtauchen musste, weil sie mit Morddrohungen überzogen wurde, nachdem sie ein Buch veröffentlicht hatte. Es enthält keine einzige Mohammed-Karikatur, allein der Titel ist eine Provokation, die ans Eingemachte geht: “Der Islam braucht eine sexuelle Revolution”.

Henryk Broder

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5 responses to Henryk Broder: Im Mauseloch der Angst

  1. “Der Islam braucht eine sexuelle Revolution”.

    mag sein, aber wer braucht den Islam?
    Du? ich? wir?

    Können die wahren Drahtzieher bitte aufstehen und uns erklären warum z.B. DE mit einem unvertretbar hohen Prozentsatz muslimischer Bereicherung umgevolkt werden soll?
    Es kann nicht auf irgendwelche Schuld der Deutschen
    begründet werden, denn international, in allen westlichen Ländern mit weißer Bevölkerung ziehen Verräter, Verblendete und Unterwanderer die gleichen
    schmutzigen Tricks aus ihren selbstgefälligen anbiedernden Kaftanen.

    Es wird nicht gut enden, so oder so…

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  2. Befürwortet Tilo Sarrazin zu einem Kopftuch verbot an Deutschlands Schulen, wird er von Claudia Roth zum Staatsfeind erklärt. Drohen aber die Islamisten mit Mord und Terroranschlägen wegen ein paar harmloser Karikaturen, dann in der Tat verschwindet die Dame im Mauseloch der Angst oder vor Angst ins Mauseloch. Wie gut sind wir doch politisch vertreten!

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  3. Es waren Leute wie Broder oder Ralph Giordano die jahrzehntelang und pausenlos die offene Gesellschaft
    und gegen jedes Nationalgefühl der Deutschen predigten..
    Mit großem Erfolg und natürlich aus leicht
    verständlichen Gründen..Beide sind Juden,da sind noch Rechnungen offen..Giordano hat noch vor 10 Jahren den
    Ausländern in Deutschland nahegelegt sich durch Bewaffnung vor deutschen Übergriffen zu schützen..
    Mindest unsere geschätzten muslimischen Mitbürger dürften diesem Rat gefolgt sein..Heute gebärden sich dieser Giordano wie auch Broder als Galionsfiguren gegen den Islam..Wieder leicht verständlich..Aber sie selbst haben durch pausenlose Zersetzung die Nation aufgebrochen und mürbe gemacht..17 Millionen Migranten-Ausländer sind jetzt hier und der Schuß geht fürchterlich nach hinten los..Die ärgsten Feinde der Juden sind nun die erfolgreichsten Migranten-Invasoren..Ein Treppenwitz der Geschichte
    über Leute die wiedermal ganz schlau sein wollten..Man kann darüber lachen,wenn man kein Deutscher ist……

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  4. Jau, ärmelkanal, kann Dir nur zustimmen. Giordano hat übrigens auch die Flächenbombardements von deutschen Städten gerechtfertigt. Mal sehen, ob er demnächst das Abbrennen von Moscheen propagieren wird. ;)
    Aber angesichts des ohrenbetäubenden Schweigens zu überdeutlichen Mißständen in Deutschland, muß man diesen Herren ja schon fast wieder dankbar sein. Wenigstens die trauen sich noch die Schnautze aufzureißen, wenn auch aus anderen Motiven.

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  5. @ ärmelkanal:
    Ein Schelm,welcher bei diesen beiden Typen an ein Chamäleon erinnert wird!!!

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