Michael Winkler: Dichter und Denker

5. Januar 2010 in Deutschland, Gesellschaft

Ich möchte nicht die 837. Abhandlung schreiben, wieso das “Land der Dichter und Denker” zu einem Land der unwissenden Alberts, der Lügner, der Irregeleiteten und der Denunzianten geworden ist. Nur die Alberts haben eine Entschuldigung, denn die Duckmäuser haben aus der Geschichte vor allem gelernt, daß derjenige, der das Maul aufreißt, es gestopft bekommt. Sich heraushalten, sich herumschubsen lassen, wegsehen ist nun einmal einfacher, als sich zu wehren und für seine Rechte einzutreten. Von dieser Haltung profitieren die Volksschädlinge, die Schmarotzer, die Lügner und Böswilligen, die sich als “Elite” verstehen – und bestenfalls intellektuelles Mittelmaß erreichen.

Deutschland hat den Ehrentitel “Land der Dichter und Denker” tatsächlich einmal verdient. Dieses Land zwischen allen Stühlen, umgeben von Völkern, die begehrliche Blicke auf den schwer erarbeiteten Wohlstand werfen, hatte einmal eine unerreichte geistige Größe, war der Leuchtturm der Welt in Literatur, Philosophie und Wissenschaft. Oh, die Mehrzahl der Menschen in diesem Land hatten auch damals einen beschränkten Horizont, waren gute, unterwürfige Untertanen, hielten sich aus allem heraus und lebten vor sich hin. Trotzdem erwuchsen neben diesen Durchschnittsmenschen Geistesgrößen.

Dichter

Wenn Sie erwarten, daß ich Hölderlin mit Schiller vergleiche, tut mir leid, nein. Darüber sollen sich Literaturprofessoren auslassen; Dichtung zu analysieren gleicht dem Versuch, ein Haustier aufzuschneiden, um herauszufinden, warum es von Kindern geliebt wird. Als Naturwissenschaftler interessiert mich viel mehr das verbindende, das allen Dichtern und Philosophen gemeinsame Werkzeug. Das Werkzeug ist nicht die Feder oder der Bleistift, nicht Griffel, Schreibmaschine oder Tastatur, sondern schlicht und einfach die Sprache.

Die Sprache ist mehr als ein bloßes Kommunikationsmittel, sie ist mehr als ein bloßes Medium zur wechselseitigen Verständigung. Sprache befördert den Gedankenaustausch. Technisch ausgedrückt, forme ich einen Gedanken, gieße ihn in Sprache, schicke die Sprache auf den Weg. Sie lesen diese Sprache, packen den Inhalt aus und erlangen so eine Vorstellung von dem, was ich gedacht habe. Mein Gedanke wird durch die Sprache zu Ihrem Gedanken, den Sie hegen und pflegen oder sogleich wieder verstoßen.

Bei Computersprachen haben wir es alle zugegeben: die einzelne Sprache hat ihre Stärken und Schwächen. COBOL, PASCAL, C, FORTRAN und Assembler – um nur ein paar aufzuzählen. COBOL hantierte besser mit Dateien als die “Kollegen”, PASCAL war leicht zu lernen und universell einzusetzen, C arbeitete nah an der Maschine und eignete sich für Steuerungen, FORTRAN war erste Wahl bei numerischen Berechnungen und Assembler war Formel 1 – schnell, aber schwer zu beherrschen. Und ein guter Mann konnte sowieso in jeder Sprache FORTRAN programmieren.

Bei menschlichen Sprachen sind die Stärken weniger offensichtlich. Italienisch ist die Sprache der Opern, weil diese Sprache den Gesang in der klassischen Musik fast schon im Alltag nachbildet. Englisch eignet sich in seiner Kürze für militärische Kommandos, für Befehle, für Anweisungen an Sklaven. Französisch soll sich sehr gut für diplomatische Verträge eignen, die präzise formuliert werden müssen. Russisch hingegen ist die beste Sprache für Trinksprüche… Die deutsche Sprache ist in zwei Bereichen absolute Weltspitze: In keiner anderen Sprache lassen sich umständliche Steuergesetze so breit auswalzen wie in der deutschen, außerdem eignet sie sich wie keine zweite zum Dichten und Denken.

Die Ursache dafür liegt in der Geschichte begründet. Allerdings nicht in dem, was Guido Knopp und die angeblichen “Qualitäts”-Medien für Geschichte halten, sondern in der tatsächlich geschehenen Wahrheit. Betrachten wir Frankreich, so finden wir ein Land, das von Paris aus regiert wurde. Ob am Atlantik oder am Mittelmeer, die Anweisungen kamen aus Paris und mußten eindeutig genug sein, um verstanden zu werden. Paris setzte ein Einheits-Französisch durch, eine klare, überall gleichartige Sprache.

Im Englischen setzte Shakspeare die Maßstäbe, doch bald ordnete sich die Sprache dem Imperium unter. London gab die Befehle, kurz und knapp. Der Kapitän an Bord eines Schiffes, der Offizier an der Spitze seiner Kolonialtruppen, der Sklavenhändler im tiefen Afrika – die Sprache mußte kurz, schnörkellos und befehlend werden.

In Deutschland gab es bis 1871 keine Zentralverwaltung, die eine einheitliche Sprache durchsetzen konnte. Das Hochdeutsche war eine Übereinkunft, der sich die Niederländer gar nicht und die Schweizer nur in der Schriftsprache bedienen. Das Fürstbistum Würzburg war ein eigener Staat innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die freie Reichsstadt Heidingsfeld, heute ein Stadtteil von Würzburg, fünf Kilometer Luftlinie vom fürstbischöflichen Palast entfernt, war bereits Ausland, unabhängig und eigenständig.

Betrachten wir die fürstbischöfliche Kanzlei in Würzburg. Ihren eigenen unterfränkischen Bauern konnte sie die Sprachregelung vorschreiben, aber nicht dem ewigen Reichstag in Regensburg, nicht dem kurfürstlichen Hof in München, dem kaiserlichen Hof in Wien, dem königlichen Hof in Berlin, der Stadtregierung von Hamburg… Die Korrespondenz war zwar nicht so umfangreich wie heute, aber sie fand statt. Flößer aus Oberfranken brachten ihre Stämme den Rhein hinab, bis in die Niederlande. Im Gegenzug brachten sie Worte mit, bislang unbekannte Begriffe.

Wer heute durch die Regionalprogramme schaltet, hört Hessisch und Sächsisch, Kölsch und Badisch, Bayrisch und Hamburgisch, Pfälzisch und Saarländisch, eben zahlreiche Dialekte, in denen die Worte verballhornt werden, die Satzmelodie anders klingt, Wortendungen verschliffen werden und die Sprechgeschwindigkeit variiert. Das Hochdeutsch klingt in Würzburg anders als in München, in Köln anders als in Berlin, in Bremen anders als in Frankfurt.

Das Hochdeutsch ist in seiner Entstehung keine Vorschrift von einer zentralen Stelle, sondern eine Übereinkunft unabhängiger Staaten. Die Evangelischen wollten die Lutherbibel lesen und verstehen können, deshalb wird diese Lutherbibel gerne an den Anfang der Sprachgeschichte gesetzt. Aber es war weniger Martin Luther, sondern der Buchdruck, der zu einer Vereinheitlichung der Sprache führte. Warum? Dafür muß ich noch einmal zu den Computersprachen zurück gehen.

Ein guter Mann konnte in jeder Sprache FORTRAN programmieren – Sie erinnern sich? Das ist eine Lästerei aus den frühen 80er Jahren, als FORTRAN im Schwinden begriffen war. Programmierer, die über Jahrzehnte diese Sprache verwendet hatten, mußten zu anderen Sprachen wechseln. Da diese alten Hasen in FORTRAN gedacht haben, schrieben sie PASCAL-Programme, die alle Vorteile von PASCAL außer Acht gelassen haben und im Prinzip FORTRAN gewesen sind. (Ein kleiner technischer Hinweis: PASCAL ist eine prozedurale Sprache, bei der ein kleines Hauptprogramm eine Hierarchie von Prozeduren und Funktionen aufruft. FORTRAN wurde als großes umfangreiches Hauptprogramm geschrieben.)

Eine nicht zentralisierte Sprache, wie es das Deutsche vom 15. bis zum 19. Jahrhundert gewesen war, war eine hochadaptive Sprache, die aus den zahlreichen Dialekten mehr und mehr angereichert wurde. Ein Buch, das in Köln gedruckt wurde, enthielt Deutsch in rheinischer Diktion. Die lokale Mentalität floß in den Text ein, weil die Sprache das Gerüst des Denkens bestimmte. Ich möchte mich auf drei Beispiele beschränken: Der Rheinländer sagt: “Das ist lecker”, der Bayer: “Das ist gut.” Verstanden wird es von beiden. Der Norddeutsche sagt Sonnabend, der Süddeutsche Samstag. Im Norden ist es Viertel nach Eins, im Süden viertel zwei. Das sind einige wenige Überreste aus fünfhundert Jahren des Zusammenwachsens.

Wenn ein Kölner ein Buch geschrieben hatte, konnte sich der Münchner nicht darauf berufen, einen Übersetzer anzuheuern. Es war schließlich auf Deutsch… Jeder Deutsche mußte mit einer Vielzahl deutscher Sprachen zurecht kommen, er mußte sich anpassen und dazulernen. So wurde das Deutsche immer umfangreicher, immer ausdrucksstärker, immer vielseitiger. Ein aktiver Wortschatz von tausend Worten reicht den meisten Menschen in Deutschland ebenso aus, um mindestens 95% der Alltagskonversation zu führen, wie dem einfachen Franzosen oder dem einfachen Engländer. Dieser Wortschatz reicht sogar für die meisten der Hollywood-Ballerproduktionen aus. Für die “Qualitäts”-Medien benötigt man etwa 5.000 Worte im passiven Wortschatz. Für ein deutsches Buch – selbst ein solches, das nur beseelt übersetzt wurde – ist selbst ein Wortschatz von 10.000 Worten nicht genug.

Die deutsche Sprache erlaubt es, jederzeit neue Worte zu schöpfen, die trotz ihrer Neuartigkeit problemlos verstanden werden. Eine meiner Schöpfungen, “patriotistisch”, finden Sie natürlich nicht im Duden. Falls Sie das nicht für einen Schreibfehler halten, wird die Bedeutung jedoch schnell klar. Patriotistisch ist eben nicht patriotisch, so wie pietistisch nicht pietätvoll ist. Wer fromm ist, meint es ehrlich, wer frömmelt, sich also pietistisch verhält, spiegelt die Frömmigkeit nur vor. Der Patriot liebt sein Vaterland, wer sich patriotistisch verhält, folgt der äußeren Form ohne innere Anteilnahme.

Dieses Werkzeug, dieses umfassende, großartige, vielseitige Werkzeug der deutschen Sprache, verleitet zum kunstvollen Ausdruck, zur Dichtung. Diese Sprache unterstützt das Denken, weil sie für jeden Gedanken die geeignete Ausdrucksform bereitstellt. In keiner anderen Sprache läßt sich eine derartige Nuancierung erreichen wie in der deutschen.

Diese Sprache hat uns zum Volk der Dichter und Denker gemacht, diese Sprache gab den Philosophen das Werkzeug an die Hand, ihr Denken in Worte und damit in Bücher zu gießen.

Deshalb wird diese Sprache durch Anglizismen und Politiker-Geschwafel aufgeweicht und untergraben. Der kulturelle Schatz der Vergangenheit wird durch eine Schlechtschreib-Reform verschüttet, die dazu führt, daß den Schülern nur noch Bücher im primitiveren, ausgehöhlten Neuschreib übergeben werden. Die große Vereinheitlichung, der Deutsch lange entgangen ist, wird heute durch Dummfunk und Blödel-Fernsehen erzwungen.

Denker

Ich möchte bei diesem Punkt nicht auf Philosophen eingehen, sondern auf die Naturwissenschaften und das Ingenieurwesen, Gebiete, in denen Deutsche lange Zeit führend gewesen sind. Was immer Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen nach dem zweiten Weltkrieg an materiellen Werten geplündert und gestohlen haben, ist ein winziger Bruchteil dessen, was an Patenten und Verfahren “befreit” worden ist. Die technologische Führung der USA seit 1945 beruht auf deutschen Erfindungen und deutschen Patenten.

Ich muß noch einmal das Fürstbistum Würzburg bemühen. Dieses Würzburg war bereits eine Universitätsstadt. Vom Gebiet war es etwa so groß wie heute Luxemburg, das Saarland oder Hamburg, ohne Industrie und Bodenschätze. Sie können sich vorstellen, wie gut diese Universität finanziert war, ohne einen Länderfinanzausgleich oder EU-Subventionen. Der Anschluß an Bayern bedeutete eine Erleichterung, denn jetzt stand ein größerer Staat hinter dieser Universität, ein Staat, der die Möglichkeit hatte, Schwerpunkte zu setzen. Auch in der Bürokratie! Wir sehen heute eher die Auswüchse einer wildgewordenen Bürokratie, eines aufgeblähten Staatsapparats, der sich weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Im Kleinstaat Würzburg wurde die Universität irgendwo mit erledigt, wenn der zuständige Beamte die Universität als sein Hauptaufgabengebiet auffaßte, ging es der Universität gut, setzte er andere Schwerpunkte, eben nicht. Im größeren Bayern gab es eine eigene Abteilung, die sich mit der akademischen Bildung befaßte.

Im 19. Jahrhundert erlangten deutsche Universitäten ihren Weltruf. Die erste Stufe wurde durch den Sieg über Napoleon gezündet. Zum ersten Mal war den Menschen bewußt geworden, daß sie DEUTSCHE sind, keine Heidingsfelder oder Braunschweiger. Die Kleinstaaterei hatte sich deutlich verringert, die Universitäten wurden von dem befreit, was heute “Mikro-Management” genannt wird, die Gängelung durch den Vorgesetzten bis in die kleinsten Details. Der große Staat Preußen hatte sich gründlich reformiert, was auch der Qualität preußischer Universitäten zugute kam.

Dieser Effekt entfaltete nach 1871 seine Wirkung in einer neuen Größenordnung. Das neu gegründete Deutsche Reich begann mit einer beispiellosen Aufholjagd. Die Briten erzwangen die Aufschrift “Made in Germany”, um ihre Bevölkerung vor minderwertigen deutschen Produkten zu schützen. Deutschland war damals der billige Massenfertiger, wie in den 1970ern Japan und heute China. Die Briten erlebten dasselbe, was wir im späten 20. Jahrhundert mit den Japanern erlebt haben: Aus den Billigheimern wurde Hochtechnologie. Das “Made in Germany” wurde im späten 19. Jahrhundert zum Kennzeichen für außergewöhnliche Qualität.

In der Gründerzeit kam mit den französischen Reparationszahlungen Geld ins Reich, die Industrialisierung gewann an Schwung. Wenn eine neue Firma in einen Markt drängt, hat sie zwei Möglichkeiten, diesen für sich zu öffnen: Erstens, sie ist preiswerter als die bereits etablierte Konkurrenz, zweitens, sie führt neue Produkte ein. Die Unterbietung der Konkurrenz erfordert Kapital, das ein neu gegründetes Unternehmen in der Regel nicht besitzt, folglich bleibt nur der Weg der Innovation. Deutsche Konzerne haben die ersten Abteilungen für Forschung und Entwicklung aufgebaut, was die Ausländer kopfschüttelnd verfolgten. “Die Deutschen bezahlen ihre Leute fürs Nichtstun”, wurde damals kolportiert, weil Forscher herumsaßen und nachdachten.

Es ist ein Zufall, daß Wilhelm Conrad Röntgen seine Strahlen an der Universität Würzburg entdeckt hatte, aber es ist auch ein Zeichen. An der fürstbischöflichen Universität von 1795 hätten ihm die Mittel gefehlt, womöglich wäre er gar nicht angestellt worden. An der königlich-bayrischen Universität von 1895 war alles vorhanden, was 1901 zur Verleihung des ersten Nobelpreises in Physik geführt hat. Das 19. Jahrhundert ist nicht nur die Zeit der Studenten- und Verbindungs-Romantik, sondern auch die Zeit, in der deutsche Universitäten zu hocheffizienten Forschungsanstalten geworden sind.

In dieser Zeit traten neben die Dichter und Philosophen die Denker, die Wissenschaftler und Ingenieure. Und auch sie nutzten das Universalwerkzeug Deutsch. Eine Sprache, die jeden philosophischen Gedanken ausdrücken kann, kann genauso jeden wissenschaftlichen Sachverhalt eingängig formulieren. Das Deutsche Reich begann das 20. Jahrhundert als das weltweite Zentrum der Wissenschaft und Ingenieurskunst. Wichtige wissenschaftliche Werke mußten ins Deutsche übersetzt werden, um weltweite Anerkennung zu finden. Franzosen, Engländer, Amerikaner, Russen publizierten ihre Fachbücher auf Deutsch.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Deutsche gezielt verdrängt, die deutschen Wissenschaftler gemieden und nicht mehr zu internationalen Kongressen eingeladen. Anders als geplant führte dies zu einem neuen Schub der deutschen Wissenschaft. Die deutschen Forscher mußten sich auf sich selbst besinnen, auf jene Mittel, die sie im eigenen Land vorfanden. Die Repressalien gegen Deutschland, die massiven Exportbeschränkungen und die Weltwirtschaftskrise erlaubten es der deutschen Wirtschaft nicht, aus der Fülle der internationalen Rohstoffe zu schöpfen. Was das Reich mangels Gold für die Bezahlung nicht importieren konnte, mußte es selbst entwickeln, ohne die fremden Patente zu verletzen.

Die deutsche Raketenforschung mag hier als Beispiel genannt werden. Der Versailler Vertrag untersagte dem Reich die Artillerie und deren Fortentwicklung. Von Raketen stand nichts im Vertrag, diese galten als ein altertümliches Mittel der Kriegführung, In den Napoleonischen Kriegen, Anfang des 19. Jahrhunderts, hatten die Engländer ungezielte Raketen eingesetzt, mit kurzer Reichweite, die zwar in ihrer Masse durchaus Schäden anrichteten, in ihrer Wirkung jedoch schon den Vorderlader-Schießpulver-Kanonen ihrer Zeit klar unterlegen waren. Die Raketen waren gewissermaßen Feuerwerkskörper mit einer Handgranate daran.

Die Reichswehr förderte und die Wissenschaftler forschten. Das Ergebnis waren weitreichende Präzisionswaffen, die Interkontinentalraketen des kalten Krieges. Die Wurzeln lagen in den 1920er Jahren, in dem zweiten Schub der deutschen Wissenschaft.

Wie der erste Schub sich erst nach der Reichsgründung von 1871 so richtig entfaltete, wirkte dieser zweite Schub ab 1933 noch stärker. Zum einen, weil der politische Druck höher wurde, denn durch die Depression der Weltwirtschaft wurde es noch schwerer, sich auf internationalen Märkten einzudecken. Zum anderen, weil jüdische Professoren aus ihren Ämtern gedrängt wurden. Es lag nicht an den jüdischen Professoren, an deren Unfähigkeit oder gar deren Minderwertigkeit. Der Effekt wäre ähnlich eingetreten, wenn man alle nichtjüdischen Professoren hinausgeworfen hätte.

Der Effekt widerspricht dem Gedanken, daß Erfahrung die wichtigste Komponente im Berufsleben ist, er wird jedoch mit dem Peter-Prinzip erklärbar. Wer befördert wird, also eine Professoren-Stelle erlangt, wird wegen anderer Kriterien befördert, als für die Ausübung des neuen Postens erforderlich ist. Ein guter, lernbegieriger Student, der das angebotene Wissen in sich aufsaugt und erfolgreich in Prüfungen vorträgt, erhält gute Noten. Er legt eine brillante Promotion hin, habilitiert und wird Professor, ohne selbst Ideen zu entwickeln. Er gelangt in eine Position, wo er Neues entwickeln soll, durch die Fähigkeit, Altes aufzusagen. Der Mann mag sogar ein guter Lehrer sein, der Studenten gut ausbildet, für die Forschung taugt er nichts.

Wenn nun ein Drittel der Professoren, ob durch Würfeln oder sonstige Auswahlkriterien, von ihren Lehrstühlen entfernt werden, entsteht Raum für Beförderungen. Junge Leute, die sich sonst noch zehn oder zwanzig Jahre in den Niederungen des akademischen Betriebs verschlissen hätten, fanden jetzt den freien Weg an die Spitze. Wer so nach oben fiel, stand unter dem Druck, sich zu beweisen, zu zeigen, daß er diesen Posten nicht nur dem glücklichen Zufall verdankte. Es gab natürlich die strammen Nationalsozialisten, die aus politischen Gründen auf diesen Posten gesetzt wurden. Das ist heute nicht anders, wo es den Professor h.csu gibt oder eine FDJ-Propaganda-Sekretärin im Kanzleramt. Neben solchen Extremisten kommen bei derartigen Aktionen viele echte Fachleute nach oben. Anstatt weitere zwanzig Jahre dem bisherigen Professor zuarbeiten zu müssen, durften sie eigene Ideen haben und diesen nachgehen.

Tonbandgerät, Farbfilm (das überlegene System), Düsentriebwerk, Nachtsichtgerät, Kohleverflüssigung, Computer – diese Aufzählung mag Zeugnis dafür geben, auf welchem Stand die Forschung bis 1945 betrieben wurde. Die Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Tüftler waren gewissermaßen zum Erfolg verdammt, denn für Fehlschläge fehlten die Mittel. Das Reich wurde nicht besiegt, weil es schlechte, rückständige Waffen hatte, sondern durch die schiere Masse an Material, das die zahllosen Gegner ins Feld schicken konnten. Kein Land kann einen Krieg gewinnen, wenn der Gegner seine Flugzeuge, Panzer und Soldaten schneller an die Front bringt, als die Verteidiger sie abschießen können.

Es war einmal…

Damit fangen nicht nur Märchen an, sondern auch Berichte über eine bessere Vergangenheit. Was die Politik einst aus Propaganda-Gründen zum “Volk ohne Raum” erklärt hatte, wird heute mit vergleichbarer Propaganda-Absicht zum “Einwanderungsland” gemacht. Den Deutschen, deren Sprache wie keine zweite zum eigenständigen Denken anregt, wird seit Jahrzehnten beides abgewöhnt. Pidgin-English, das Idiom, mit dem gewaltbereite Kolonialherren mit unterworfenen Eingeborenen sprachen, wurde nicht nur zum Slang der amerikanischen Unterschicht, sondern auch zur geistigen Richtschnur deutscher Fernseh-Moderatoren, den gelebten Vorbildern der deutschen passiven Fernsehkonsumenten.

Deutsche Wissenschaftler werden heute im primitiven Englisch unterrichtet, in einem einengenden sprachlichen Korsett. Veröffentlichungen erfolgen nicht im ausdrucksstarken Deutsch, sondern im befehlsformalen Englisch. An deutschen Schulen werden nicht mehr die deutschen Klassiker unterrichtet, sondern “Deutsch für Ausländer”. Schulbibliotheken werden systematisch gesäubert, in der größten Bücherverbrennung aller Zeiten wird aussortiert, was in der bis 1995 gültigen Rechtschreibung verfaßt worden ist. Die neue Rechtschreibung ist nicht einmal eindeutig, keine zwei Verlage der “Qualitäts”-Medien schreiben heute gleich.

Dichter und Denker verfügten mit der deutschen Sprache über das universelle Werkzeug, das dieses Dichten und Denken ermöglichte. Der Fürstbischof von Würzburg erteilte Denkverbote, die schon fünf Kilometer von seiner Residenz in Heidingsfeld nicht mehr galten. Als diese Kleinstaaten im Königreich Bayern aufgegangen sind, verschwanden viele Denkverbote, die einstmals Landeskinder ins “Ausland” getrieben haben. Wirklich liberal war schließlich das Deutsche Kaiserreich, der freieste Staat auf deutschem Boden. Die schrittweise Lockerung der Denkverbote gab dem Denken neuen Raum. Diese Gedankenfreiheit bestand nach 1945 in keinem Teil des besetzten Restdeutschlands mehr.

Seit 1990 wird das freie Denken mehr und mehr eingeschränkt, Merkel-Deutschland ist kleinkarierter geworden, als es das Fürstbistum Würzburg gewesen war. Die Gleichschaltung der Medien ist heutzutage totaler, als es sich ein Dr. Josef Goebbels erträumt hätte. Was vor 1945 staatliche Repression nicht erreicht hatte, hat das Kapital nach 1990 geschafft. Dem Fürstbischof waren fremde Religionen, wie das evangelische Christentum, höchst suspekt. In Merkel-Deutschland wird strafrechtlich verfolgt, wer es wagt, an dem offiziellen Geschichtsbild der unendlichen deutschen Schuld zu zweifeln. Der Fürstbischof war ein ehrlicher Mann, der offen gesagt hat, welche Meinungen er nicht toleriert, die heutige Rechtsprechung versteckt sich hinter einer schwammigen “Offenkundigkeit”, ohne jemals anzugeben, welche Tatsachen und Zahlen wirklich offenkundig, also allgemein bekannt sind.

Alles, was wir zum Dichten und Denken brauchen, ist noch immer vorhanden: die deutsche Sprache, die den deutschen Geist formt und erzieht. Genutzt wird sie zum Erdichten einer Wirklichkeit, die das Denken unterdrückt. Zuwanderer, denen dieses Denken fremd ist, werden ins Land gepreßt, während gut ausgebildete Deutsche außer Landes getrieben werden, weil ihnen Merkel-Deutschland geistig zu eng und im Horizont zu begrenzt geworden ist. Vor 250 Jahren war das “Ausland” fünf Kilometer entfernt, einer der vielen anderen deutschen Staaten. Heute ist das Ausland Hunderte, ja Tausende Kilometer entfernt. Die Rückkehr ist kein einfacher Spaziergang, sondern eine langwierige Reise.

Wir leben in einem Land, das schwersten Angriffen ausgesetzt ist. Was immer deutsch ist, der deutsche Geist, die deutsche Sprache, soll aufgelöst werden. FORTRAN ist eine veraltete Computersprache, sie wurde aufgegeben, weil sie nicht mehr ausreichte, um die komplexen Programme zu schreiben, um das menschliche Denken effektiv auf Computer umzusetzen. Ein wirklich guter Programmierer kann eben mehr, als FORTRAN programmieren. Die besten aller Denker wählen immer das beste aller Werkzeuge. Wer weiter und freier denken will als Andere, der muß die deutsche Sprache beherrschen.

Michael Winkler

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5 responses to Michael Winkler: Dichter und Denker

  1. RW said on 5. Januar 2010

    Sehr schöner Beitrag!

    Sprache ist Denken. Im Umkehrschluß gilt auch, daß Denken Sprache ist, deshalb soll uns Deutschen das zerstörerische Pidgin-Englisch aufoktroyiert werden.

    Es war Martin Luther, der – vor 500 Jahren – für all seine Arbeiten (besonders der Bibelübersetzung) auf der Wartburg die “Sächsische Kanzlei-Sprache” der Wettiner verwendete.

    Und diese Luther-Bibel wurde dann auch von den Gutenbergs gedruckt und im ganzen Lande verbreitet.

    Wir müssen uns daran erinnern, daß vorher schon unzählig viele Dialekte gesprochen wurden, die die Leute auch in ihren ungeordneten Dialekten und Mundarten schrieben.

    Es war aber erst Martin Luthers Neues Testament, daß endlich “Ordnung” in die Schrift und Schreibweise brachte.

    Das bedeutet aber keinesfalls, Dialekte und Mundarten nivellieren bzw. zu eliminieren zu müssen, die sind ein hohes Kulturgut und müssen gepflegt werden.

    Martin Luther schaffte erst das Werkzeug für die Dichter und Denker, die Philosophen, Techniker und Ingenieure … und nicht zuletzt der Rechtsprechung.

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  2. Mittlerweile markiert man immer neue Tiefpunkte im heutigen Alltag. Man muß schon sog. Qualitätsmanagementsysteme, wie Six Sima, ACE oder anderes einführen, um ein Minimum an strukturiertem Vorgehen am Arbeitsplatz aufrecht zu halten. In Wirklichkeit verschwendet man dabei aber mehr Energie und Zeit, um einem System gerecht zu werden, das die Unfähigkeit der Entscheidungsräger und totgeborene Hierarchieen übertünchen soll. Mittlerweile sollte ja sogar jedem ‘Blinden’ aufgefallen sein, daß heutige Manager – und ich schließe dabei auch die untersten Ebenen ein! – die größten Nieten sind und die Vertreter des absoluten Gegenteils von Gesundem Menschenverstand darstellen. Ich will aber auch darauf hinweisen, daß man z.B. im Ingenieurswesen mittlerweile alles auf den einfachsten Nenner reduziert hat, so daß man in den meisten Fällen gar nicht mehr von Ingenieursarbeit sprechen kann. Entsprechend ist das Niveau der Leute, die sich heutzutage als Ingenieure bezeichnen, welche in Wirklichkeit nur noch austauschbare Sachbearbeiter sind und nur noch von ihrer Einbildung leben. Mir fällt dabei immer schmerzlich auf, daß man als Ingenieur der alten Schule nicht im Entferntesten verstanden wird. Dinge, wie Innovation, zielgerichtetes Arbeiten, eigenständiges Denken und Verantwortung tragen, sind absolute Fremdworte. Im Gegenteil, damit ‘outet’ man sich nur und Karriere macht man damit 100mal nicht, denn Können und Sachverstand zählen nicht mehr.
    Man muß kein Fachmann sein, um zu erkennen, daß nichts mehr funktioniert. Alles wird immer teurer, die Projekte werden ständig verlängert, die Qualität wird schlechter und wahre Innovation gibt es schon lange nicht mehr. Man kann das auf allen Gebieten beobachten, nicht nur in der Technik.
    Es wird Zeit, daß diese Welt der Ja-Sager zusammenbricht und alle Unterstützer sowie Drahtzieher dieser perversen Gesellschaft das bekommen, was sie verdienen.

    Revolution!!!! No Mercy!!!!

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  3. Mit einem Wort: Großartig, Herr Karner!Dem ist Nichts hinzuzufügen.

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  4. RW said on 6. Januar 2010

    Die Zustände zu beschreiben ohne politische Hintergründe aufzuzeigen hilft uns nicht weiter. Was heißt denn immer nur „man“?
    Daß Manager nur noch Manager sind und keine Wirtschaftsführer, daß DIN-Normen auf EU-Niveau heruntergesetzt werden, Ausschreibungen (ich rede von der Bauindustrie) europaweit zu erfolgen haben. Daß das Berliner Regierungsviertel mit ca. 30% ausländischen Billigarbeitern errichtet wurde und wo blieb Wiesehügel und seine Gewerkschaft(en).
    Daß z.B. Juramarmor aus dem Bayerischen Altmühltal nationalsozialistisch belastet ist, und für das Kanzleramt nicht in Frage kam, dafür italienischer Marmor …

    Daß Manager und Werbeindustrie sich gefallen möglichst viele englische Begriffe zu verwenden um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, daß Manager Quotenneger einstellen, um nicht in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit usw. zu gelangen.
    Alles jämmerliches Kriechen vor dem Zeitgeist mit seinem Judaslohn.

    Der Fisch beginnt von Kopf her zu stinken. Wir haben die uns aufgezwungene Staatsform der Ochlokratie (griech. = entartete Demokratie und Pöbelherrschaft) und die gilt es zu überwinden. Das ist erst möglich, wenn wir die Zwickmühle aus vorgeblicher Naziverbrechen und der Holoreligion überwinden.

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  5. Mein lieber Michael Winkler,
    ich liebe, ich genieße Ihre Kommentare täglich.
    Wer allerdings unseren (guten) Schreibern 10.000 Worte und nicht Wörter atterstiert, der sollte sich über den Missbrauch der Sprache nicht zu sehr aufregen.

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