Michael Manns: Am Anfang stand die Faulheit
24. Juni 2010 in Deutschland, Geschichte, Wissenschaft
Der Statiker bei den Henschel-Flugzeugwerken in Berlin-Schönefeld hatte keine Lust auf die endlosen, stupiden Berechnungen, zumal er die Matheprüfung an der Uni nur mit Glück bestanden hatte. Deshalb setzte sich Konrad Zuse in der Berliner Wohnung seiner Eltern hin und konstruierte aus Blechen, Sperrmüll und anderen Rohstoffen einen Rechenautomaten. Was damals keiner ahnte: Damit wurde der Beginn der digitalen Revolution markiert.
Würde heute eine Umfrage gestartet, wer als erster einen funktionsfähigen Computer erfunden hätte, die meisten würden meinen: Bill Gates. Kaum einer käme auf den Namen Konrad Zuse, diesen leidenschaftlichen Tüftler, der ein wahres Achterbahnleben voller Höhen und Tiefen führte und zu den großen Erfindern gehört. Vor hundert Jahren, am 22. Juni 1910, wurde der Computer-Pionier in Berlin geboren.
Der Sohn eines Oberpostmeisters war in seiner Kindheit eher ein Träumer. Die Seiten seines Lateinbuchs malte er mit Lokomotiven der Reichsbahn und Berliner Stadtbahn voll (wofür ihn sein Lateinlehrer tadelte, der Zeichenlehrer aber lobte); in seiner Freizeit verbrachte er meistens mit seinem Stabil-Baukasten. Mit 16 stand sein Berufswunsch fest: Ingenieur.
Durchbruch mitten im Zweiten Weltkrieg
Er begann das Studium an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg und beschäftigte sich nebenher mit Erfindungen. So bastelte er an einem Selbstauslöser für Kameras und konstruierte eine automatische Geld rückgabe für Warenautomaten. Sein großer Traum aber war eine Mondrakete, die ein Tausendstel der Lichtgeschwindigkeit erreichen sollte.
Realität dagegen wurde 1938 ein Rechenautomat – die Z 1. Sie war eine vier Quadratmeter große Maschine, die im Wohnzimmer der Eltern zwischen den Jugendstil-Möbeln stand. Die Maschine hatte Handkurbelbetrieb und funktionierte nicht richtig. So tüftelte Zuse weiter. 1939 wurde dann die Z 2 fertig, und er konnte sie Gästen vorführen. Jetzt interessierte sich die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt für Zuses Rechenautomaten. Er konnte erreichen, daß das Nachfolgemodell, die Z3, teilweise von der Versuchsanstalt finanziert wurde.
Sie war der Durchbruch – mitten im Zweiten Weltkrieg. Am 12. Mai 1941 war der Rechner startbereit. Er besaß eine elektromagnetische Relaistechnik und hatte eine Speicherkapazität von 64 Wörtern. Er wurde mit einem Lochstreifen gesteuert und konnte in drei Sekunden multiplizieren, dividieren oder Quadratwurzeln ziehen.
Berechnung des Flügelflatterns bei Flugzeugen
Der Rechner hatte alle Bausteine moderner, heutiger Computer: Speicher, Rechenwerk, Steuerwerk, Ein- und Ausgabeeinheit. Zuse: „Es war das erste Gerät, das wirklich voll funktionsfähig war und alle wichtigen Elemente einer programmgesteuerten Rechenmaschine für wissenschaftliche Zwecke enthielt.“
Der Erfinder, der als Statiker für die Henschel-Flugzeugwerke zu wichtig war und daher nicht zur Wehrmacht mußte, benutzte die Z 3 zur Berechnung des Flügelflatterns bei Flugzeugen, das bei kritischen Geschwindigkeiten eintritt.
Die US-amerikanische Konkurrenz war zu dieser Zeit noch längst nicht so weit. Funktionsfähige Maschinen konnte sie erst nach Zuse herstellen. So Howard Aiken 1944 mit seinem Relaisrechner MARK I sowie John W. Mauchly und J. Presper Eckert 1945 mit ihrer Röhrenmaschine ENIAC.
Hitlers Rüstungsexperten dauerte es zu lange
Doch die Rüstungsexperten des Dritten Reichs interessierten sich nicht sonderlich für Zuses Forschungsarbeit. In einem Interview sagte er später: „Wir hatten zum Beispiel die Idee, zur Flugabwehr einen elektronischen Computer einzusetzen, und das wäre auch möglich gewesen. Die Steuerung von Flak hätten wir mit den elektronischen Geräten natürlich besser machen können. Nur, man fragte uns, wie lange braucht ihr dafür, und wir haben gesagt: zwei Jahre, das war sehr kurz für eine elektronische Entwicklung. Da sagten die: Was glauben Sie, wann wir den Krieg gewonnen haben? Die Einstellung war eben so, alles, was länger als ein Jahr Entwicklung braucht, wird nicht gemacht.“
Die Z3 wurde 1944 im Bombenkrieg zerstört. Eine dieser Bombennächte sollte Zuse in besonderer Erinnerung bleiben. Ein Bekannter besuchte ihn. Zusammen gingen sie durch das brennende Berlin, vorbei an rauchenden Trümmern, explodierenden Zeitbomben und dann berichtet der Unbekannte Erstaunliches: Es sei nun soweit. Man könne die gewaltigen Energien in den Atomkernen beherrschen und freisetzen. Es komme die große Bombe, und es bestehe die Gefahr, daß durch einen falschen Versuch der gesamte Erdball explodiere. Zuse spekulierte in diesem Moment sogar, daß die V2, Hitlers Wunderrakete, mit Nuklearsprengstoff ausgerüstet würde.
1944 wurden bei einem Bombenangriff Zuses Haus und Werkstatt weitgehend zerstört. Ein Großteil seiner Arbeit und viele schriftliche Unterlagen gingen verloren.
Seit 1942 baute er an der Z4, Ende 1944 waren die Schaltungen des Geräts praktisch ausgearbeitet. Der Rechenautomat wurde in den letzten Kriegswochen nach Göttingen gebracht, sollte von dort in den unterirdischen Fabriken von Nordhausen versteckt werden. Doch Zuse weigerte sich. Er hatte mittlerweile Kontakte zu Werner von Braun und General Walter Dornberger aufgenommen. Letzterer besorgte ihm einen Lkw und 1.000 Liter Diesel. So konnte er das Gerät aufladen und in einer Nacht-und-Nebelaktion ging es ab nach Süden in das Allgäu auf einen Bauernhof.
„Mach kein’ Blödsinn“, ermahnte er den Herrgott
Die Kriegswirren und die abenteuerliche Flucht konnten Zuse ebensowenig stoppen wie das Chaos der Kapitulation. 1946 entstand sein Ingenieurbüro. 1949 gründete er in Osthessen die Zuse KG – und baute Computer. Die Z4 wurde fertiggestellt und an der ETH Zürich, noch heute eine der renommiertesten Universitäten des Kontinents, installiert. Zu jener Zeit war das der einzige funktionierende Computer in Europa und der erste kommerzielle Computer weltweit.
Die nunmehr entwickelten und in Serie gebauten Geräte (darunter die Zeichenmaschine „Graphomat“) gelangten im In- und Ausland zum Einsatz. 1964, in seiner Blütezeit, zählte das Unternehmen mehr als tausend Mitarbeiter. Doch die ständigen Entwicklungskosten waren zu hoch. Zuse brauchte finanzstarke Partner.
1966 wurde seine Firma von der Siemens AG übernommen. Zuse war in finanzielle Schwierigkeiten gekommen und hatte sich überfordert. In seiner Autobiographie „Der Computer – Mein Lebenswerk“ schreibt er: „Es war die zeitraubende Beschäftigung mit Gesellschafts-, Beteiligungs-, Lizenz-, Kredit-, Miet-, Bau-, Kauf-, Liefer-, Arbeits- und Pensionierungsverträgen, mit Lohnverhandlungen, Betriebsumstellungen, Urlaubsregelungen, Kundenbetreuung, Auftragsbeschaffung, die zuviel Kraft und Zeit absorbierten“, schrieb rückblickend: „Damit man mich nicht mißversteht: ich war, als ich es sein mußte, trotz allem gerne Unternehmer und habe vor diesem Berufsstand immer größte Hochachtung gehabt.“
Ziemlich komplizierte Theorie
Er zog sich dann ins Privatleben zurück und begriff das neue Leben als Chance: Er vertiefte sich wieder in wissenschaftliche Probleme, schrieb Bücher und widmete sich seiner zweiten großen Leidenschaft: der Malerei. Ehrungen wurden ihm zuteil: acht Ehrendoktortitel und zwei Ehrenprofessuren. Mehrere Medaillen und das Große Verdienstkreuz. Sein wissenschaftliches Erbe sollte die Konrad-Zuse-Gesellschaft verwalten.
Er arbeitete wissenschaftlich und entwickelte sogar die kosmologische Theorie: „Rechnender Raum“. Danach ist das gesamte Universum ein gigantischer zellulärer Automat. Es war eine ziemlich komplizierte Theorie, die von den Physikern nahezu einhellig abgelehnt wurde.
Noch als Achtzigjähriger baute er seinen ersten Computer, die Z 1, aus dem Gedächtnis nach. Im Dezember 1995 brach er zusammen. Er ermahnte noch den Herrgott: „Mach kein’ Blödsinn.“ Doch er erhörte ihn nicht. Am 18. Dezember 1995 hörte das Herz des rastlosen Erfinders auf zu schlagen.


drauf und drann said on 24. Juni 2010
Ja ja, Bill Gates hat den Computer erfunden, Apple das MP3-Format, und das größte Schiffsunglück in der Geschichte ist der Untergang der Titanic.
Herr wir Hirn vom Himmel….
Beliebt. Zustimmung oder Ablehnung:
11
0
Alpenglut said on 24. Juni 2010
Ich kann mich noch gut an einen Arztbesuch Anfang der siebziger Jahre erinnern, als ich im Wartzimmer ausgelegte alte Ausgaben des Magazins S i g n a l durchlas (ich glaube aus dem Jahre 1943, da ich zur gleichen Zeit auch über die Versandung der Motoren beim Afrikafeldzug las)und auf einen Artikel über rechnergestützte Flak stieß. Soweit ich mich erinnere, ist diese auch zum Einsatz gekommen. Dabei wurden z.B. die Probleme der sphärischen Trigonometrie und die damit verbundenen rechnerischen Probleme erläutert, die durch Höhen- und Geschwindigkeitsänderungen der Abschußziele, sowie der Flakgranaten hervorgerufen wurden. Erst später fiel mir auf, daß es nach der handelsüblichen Geschichtsdarstellung diese Flak gar nicht gegeben haben dürfte. Der Artikel stand also bestimmt mit dem Namen und Werk Konrad Zuses im Zusammenhang.
Weiß sonst noch jemand darüber etwas?
Ich bin immer wieder darüber erstaunt, was unsere Elterngeneration damals geleistet hat. Eine großartige Leistung reiht sich an die andere, überall wurde Herausragendes, Zukunftweisendes geleistet. Bei uns Deutschen ging es eben um Leben und Ehre, bei den Kriegsgegnern darum, wie man sich fremden Besitz gewaltsam aneignen und sich die Taschen schnell füllen kann. Die heutige Welt, die bisher doch ausschließlich von dem damals von uns Deutschen Erreichten lebte, hat aus diesem sich gewaltsam angeeigneten Erbe keinen Nutzen ziehen können, weshalb jetzt allenthalben Niedergang, Verfall und Fäulnis zu sehen ist.
Beliebt. Zustimmung oder Ablehnung:
28
0
annemie said on 26. Juni 2010
Auch ich habe mit der Zuse Z4 etwas gespielt. Allerdings sehr wenig, weil die Eingabe mit der Teletype doch recht langsam arbeitete. Immerhin gab es schon einen Festzylinder. Heute sagt man dazu Festplatte.
Dieser Speicher, ein Zylinder mit rund 30 cm Durchmesser und 50 cm Höhe, dürfte geschätzt vielleicht 0,1 MB gehabt haben. Für damalige Verhältnisse auf jeden Fall gigantisch.
Als Sprache gab es ALGOL. Im Prinzip war diese mit Fortran oder Basic verwandt. Jedenfalls war der Andrang an die Z4 so gewaltig, daß ich mir nicht die Mühe machte, einmal 1 Minute Ratterzeit zur Lösung eines Kleinproblems zu ergattern. Mit ein paar Stunden Handarbeit war es damals auch noch gemacht. Der zeitliche Gesamtaufwand für eine Problemlösung war damals noch identisch. Egal ob mit oder ohne Computer.
Damals gab es auch noch eine Alternative, welche sicherlich auch bei der Flak eingesetzt wurde. Es muß also nicht alles mit einem Digitalrechner gelöst werden. Diese Rechnerlösung hieß: Analogrechner.
Dazu braucht man “nur” ein paar Widerstände, Dioden für die Nichtlinearitäten und einen Verstärker, den man mit Röhren sich zusammenschusterte. Und ein paar Koeffizientgenpotentiometer. Dazu noch ein paar Schnüre für die eigentliche Schaltung der Aufgabenstellung. So ein Ding löste dann analog Differentialgleichungen.
Dies zwar nicht so genau wie ein Digitalrechner, aber dafür tausendmal oder noch mehr schneller. Eher millionenmal.
Die Ergebnisgenauigkeit lag bei rund 1%, eben der damaligen Präzion entsprechend. Choperverstärker waren die Highlights dieser Rechenmaschinen. Das sind Nullpunktdriftfreie Gleichspannungsverstärker.
In meinem Labor hatte ich so einen Analogrechner mit 12 Verstärkern (es gab auch 24 oder 48er Einheiten). Allerdings schon voll transistorisiert. Zusammen mit den Transistoren wog das Ding rund einen Zentner.
Die Ergebnisanzeige erfolgte auf einem XY Schreiber oder einem Oszillographen. Dies verdeutlicht auch schon die sehr hohe Rechengeschwindigkeit. Damit wäre es möglich gewesen, in “Echtzeit” eine Rakete oder ein Geschoß mit allen Störeinflüssen und “Wünschen” ins Ziel zu lenken.
Heute hat sich natürlich die digitale Technik durchgesetzt. Obwohl, wenn man es sich genau überlegt, natürlich die analoge Rechentechnik der digitalen durchaus überlegen sein kann. Beispiel gefällig? Unser Hirn.
Beliebt. Zustimmung oder Ablehnung:
12
0
S.K said on 29. Juni 2010
Die damaligen Rechner hätten auch die unlösbaren Personalprobleme im Bereich der Lufabwehr kompensiert.
Die von den Amerikanern kopierte Fla-Raketen Technologie (nicht nur V2) war nämlich so personalintensiv, daß trotz der fortschrittlichen Technik, eine Wende im Bombenkrieg gg. das Reich nicht in Aussicht stand.
Quelle: Waffen-Revue Nr.73
Wenn man die Beiträge der W-R zum Thema Flaraketen liest, bleibt einem stellenweise richtig die Luft weg in Anbetracht der damaligen Leistungen der Ingenieure. Die Berichte lesen sich wie ein Thriller. Wir waren den Alliierten technologisch mindestens 20 Jahre voraus. Dieser unendliche Weitblick……..gefasst mit fachlicher Kompetenz.
Selbst die Acht-Acht Mod.41 hatte Durchschlagleistungen die sich noch in den sechzigern sehen lassen konnten. Von der Me-262 brauchen wir erst gar nicht zu sprechen.
Vergessen auch die MG-231 in 20 und 30mm. Ebenfalls kopiert als ADEN und DEFA-MK. Diese verfluchten Diebe in Ost und West.
Zuse ist ein interessanter Baustein in “Was-wäre-wenn” und Sci-Fi- Geschichten. Hut ab vor seiner Leidenschaft und seinem Willen.
Gruß
Beliebt. Zustimmung oder Ablehnung:
7
0