Werner Fischer: Wir wollen glücklich sein (Teil 3)
28. August 2010 in Deutschland, Geschichte
Berlin im April 1945. Es ging ab vom Bahnhof Lichterfelde, der wohl der einzigste, noch einigermassen funktionierende war und wahrscheinlich gehoerten wir zu den letzten Transporten von dort. Einige Tage vorher hatten wir dort auf dem Bahnhof noch ein Erlebnis. Wir kamen zurueck vom Schiessplatz in Wannsee mit der S-Bahn (jawohl die lief noch, trotz all der vielen Bombardments!). Beim Aussteigen der Kompanie stand ploetzlich in unserer Mitte ein grosser, aelterer Herr und verteilte unverbluehmt Flugblaetter, den Kampf aufzugeben und zu Kapitulieren. Wollte sogleich pflichtgemaess Meldung machen, aber ein Kamerad hielt mich zurueck. Der Mann muss schon Nerven gehabt haben; was aus ihn weiterhin geworden ist weiss ich nicht, es ging ja auch alles so schnell. In Wannsee hoerten wir von einem Einwohner, dass der Ami bereits schon vor Hannover steht.
Wir wurden verfrachtet in Gueterwagen mit Dreitage Marschverpflegung, die aber nicht solange ausgehalten hat. Es ging Richtung Sueden, keiner von uns einfachen Soldaten wusste wohin. Haben es ja auch oft genug bei der Ausbildung gesungen: ”Irgend in ein Feldquartier, frisch mit frohem Sinn!” Nun war der wohl nicht mehr ganz so vorhanden zu der Zeit. Manche schoenen Lieder wurden abgeaendert, so hiess es zum Beispiel: ”Ja wenn die Jabos brausen und die Bomben sausen und die Haeuser fallen ein, was kann das Leben uns denn schon geben, wir wollen gluecklich sein!” Wir kamen bei schoenen Fruehlingswetter an Dresden vorbei. Es lag zwar ziemlich weit in der Ferne, doch irgendwie hatte man so ein komisches Gefuehl, dass da etwas furchtbares geschah, eine Art “Silent Spring” lag in der Luft.
Immer wieder wurden wir auf ein Abstellgleis geschoben, die Lokomotiven wurden zu anderweitigen, wichtigeren Zwecken gebraucht. Am Laengsten hielten wir in der Tschechoslowakei. Unsere Verpflegung war aufgebraucht und wir mussten, wie es damals hiess, ”organisieren” gehen. Einmal kamen einige Kameraden zurueck mit grossen Kaeserollen und Buttergefaessen unterm Arm, da gab es dann eine grosse Scheisserei in den naechsten Tagen. Bei mir war es ganz besonders schlimm, hatte man mir doch noch in Berlin die Mandeln rausgeschnitten und als wir wegen dem folgenden Bombenangriff in den Keller mussten, da wollte das Bluten garnicht aufhoeren. Der Stabsarzt in der LAH-Kaserne war damals ein Angehoeriger der Franzoesischen SS- Division Charlemagne und die Operation wurde von einem Lettischen Arzt, ebenfalls von der Waffen-SS, durchgefuehrt, das nur nebenbei.
Wir waren ueber eine Woche unterwegs als wir in Linz ankamen. Dort konnten wir selbst waehlen zu welcher Division wir wollten. Die meisten waren ja alle da unten und gerade nach schwersten Kaempfen aus Ungarn rausgekommen. Ich waehlte die LAH, weil ich doch schon einige Monate in der Lichterfelder Kaserne zugebracht hatte. Es ging dann erst nach Maria-Zell, einem Kurort in den Alpen. Dort hoerten wir, dass wir zur Div.-Sicherungskompanie kommen sollten. Nach Befragung, was das nun fuer eine Einheit sei, wurde uns gesagt: “Die sind immer da, wo die Kacke am dampfen ist!” Wir lagen da noch etliche Tage in einem der vielen Hotels, dicht gedraengt wie die Herringe. Morgens raus, Dauerlauf an den naechsten Gebirgsbach, der noch halb zugefroren war, Hemd aus und dann waschen im eiskalten Wasser. War ja auch noch Winter da oben in den Alpen.
Werner Fischer


2martinhe said on 29. August 2010
Werner Fischer beschreibt in vielen Berichten endlich das, was unsere Großväter bewegte. Damit bekommt “die Stunde Null” ihren ersehnten Sinn, wie er in die Schulbücher gehört.
Hatten wir noch einen Geschichtslehrer, Ammermann war sein Name, keiner schwänzte oder störte den Unterricht, selbst die Mädels, als er über die Geschehnisse vor und nach der Kapitulation unterrichtete.
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