Werner Fischer: Nur den Kopp immer rechtzeitig einziehen (Teil 4)
30. August 2010 in Deutschland, Geschichte
Wir wurden dann in Mariazell von einem LKW abgeholt, es war schon Mai geworden. Vom Tode des Fuehrers erfuhren wir dort, es wurde nicht offiziell bekannt gegeben und auch nicht weiter diskutiert, aber einen inneren Schock gab es schon, denn wir haben Ihn doch unseren Eid geschworen und was wird nun? Der Weg zur Einheit der Divisions – Sicherungskompanie war wegen der Witterung im Gebirge sehr schwierig. Eine halbe Nacht waren wir unterwegs und mussten Rast machen. Hatten Schwierigkeiten in einem Hotel unterzukommen, der Besitzer wollte uns nicht aufnehmen. So lagen wir etwa 2 Stunden im Schnee draussen im Strassengraben wo auch manche von uns einschlummerten. Dann wurden wir doch eingelassen und konnten uns im Foyer hinlegen und Pennen.
Weiter ging es morgens zu Fuss auf einer groben Alpenstrasse, immer bergauf. Uns kam dann eine lange Kolonne von Fluechtlingen entgegen, ein trauriger Anblick, alte und junge Menschen, wahrscheinlich Volksdeutsche aus Jugoslawien. Manche hatten noch ein lahmes Pferd dabei, das bisschen Habe zu ziehen was sie noch hatten. Auch ein Gelaendewagen unserer Truppe kam den Berg herunter, im Anhaenger ein, in eine Zeltbahn gewickelter, toter Kamerad, wohl einer der letzten Gefallenen.Gegen Abend kamen wir dann endlich an. Der Spiess,ein alter Kaempfer, gebaut wie ein Kleiderschrank und einer Menge Auszeichnungen begruesste uns, die wirklich allerletzte Reserve fuer die Leibstandarte, mit einigen kernigen Worten, unter anderem die Hoffnung, dass wir uns recht bald das EK 2 verdienten (Drei Tage vor Kriegsende!).
Der Zug zu dem ich zugeteilt wurde lag bei einem ablegenden, kleinen Bergbauernhof und hatten, wie sich dann herausstellte, ihre letzte Schlacht geschlagen. Da gab es nur noch wenige alte Kaempfer, was nicht verwunderte, was die so durchgestanden haben, Russland, Normandy, Ardennen und zuletzt Ungarn. Dreimal musste die Division waehrend des Krieges neu aufgefrischt werden! Ich wurde einem Berliner Sturmmann als MG-Schuetze 2 zugeteilt, der mir sogleich den kameradschaftlichen Rat gab: “Nur den Kopp immer rechtzeitig einziehen”, also genau das Gegenteil von dem was wier in der Ausbildung gelernt hatten: Sicht geht vor Deckung! Nach dem Aufgurten fuer’s MG42 (Er hatte so seine eigende Sondermischung) krochen wir alle in den Stroh in der Scheune des Hofes.
Alarm um Mitternacht! MG wurde in in der Naehe des Gehoeftes in Stellung gebracht, durch den Wald knatterte eine Maschienenpistole, auch einige Explosionen hoerte man, doch der erfahrende Kamerad sah keine grosse Gefahr. Er verschwand einige Zeit in den Stallungen des Bauernhofes, kam dann zurueck und warf mir ein Stueck frisches Fleisch in den Schnee vor die Nase, so ungefaehr wie: Friss Vogel oder Stirb. Nun, hatte ich aber sowieso keinen Appetit denn die Gedaerme waren immer noch nicht ausgeheilt und eine Art Ruhr hatte sich entwickelt. Was fuer eine grosse Ueberraschung sorgte etwas spaeter, war ein Kradmelder, der die Nachricht von der Kapitulation brachte. Alles ging dann sehr schnell, wir mussten bei Mitternacht ueber die Enns sein. Dieses wurde mit den Amerikanern vereinbart,sonst muessten wir beim Ivan in Gefangenschaft gehen und das wollte keiner.
Werner Fischer


2martinhe said on 3. September 2010
Beeindruckend ist die sofortige Entscheidung der Kameraden, das Überlebensrichtige zu tun, in einer daniederliegenden Situation, wie sie die deutsche Geschichte in diesem Aussmaß noch nicht kannte, von Werner Fischer.
Allein die Soldaten der Wehrmacht des dritten deutschen Reiches, die ihren Eid auf dessen Führers Adolf Hitler schwuren, müssten nach Bekanntwerden dessen Tod, in schwerer innerer Not geraten sein.
Immer wieder Alarm, gefährliches knattern der MG’s, welches die Grundsätze der disziplinen Ausbildung hinfällig machen zu scheint, doch auch immer wieder der Spiess, wie ein Kleiderschrank gebaut, zum Aufraffen motiviert.
So habe ich es, Generationen später, gelesen.
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