Rolf Winkler: Pharmazeutika – mehr Fluch als Segen?
2. September 2010 in Gesellschaft, Wissenschaft
„Gewässerverschmutzung durch Medikamente bedroht Leben auf der Erde“ berichtete der Kopp-Verlag am 8.8.2010. Der Autor Mike Adams bezieht sich in seinem Artikel auf den Jahresbericht des amerikanischen Krebsausschuß an Präsident Obama.
Dieser Bericht kann der Pharmaindustrie, im Gegensatz zur BSE, Vogel- und Schweinegrippe nicht willkommen sein.
Einleitung
Kernaussage des Artikels ist, daß ca. 80% der untersuchten Gewässer in den USA von Medikamenten kontaminiert sind. Das sind mindestens 46 Millionen Amerikaner die das Wasser trinken. Aber da nicht alle Metropolen untersucht wurden, ist die Zahl der betroffenen Menschen viel höher anzusetzen, als AP berichtete.
Der Bericht verknüpft vor allem nachgewiesene Umweltvergehen in den USA, Indien und Italien.
Die Globalisierung ermöglicht es amerikanischen Pharmafirmen, ihre Produktion nach z.B. Indien zu verlegen, um so von den noch lascheren Umweltauflagen zu profitieren.
So weit zu Mike Adams Bericht. Er ist ein US-amerikanischer Softwareunternehmer und stellt sich in seiner eigenen Vita als Gesundheits-Ranger (healthranger.org), Autor, investigativer Journalist und Erzieher vor.
Vorab: Weder möchte ich amerikanische Standards und Sicherheitsvorschriften interpretieren, noch halte ich sie in Untertanenmanier für das Maß der Dinge. Und noch ein Vergleich:
Den Artikel ist mir Anlaß, eine interessierte Öffentlichkeit über die Gewässerverschmutzung in der dichtbesiedelten BR Deutschland – es handelt sich in der Tat um eine beginnende Verunreinigung durch chemische Substanzen – verursacht durch eine expandierende Pharmaindustrie und aus der Sicht des Wasser- und Tiefbaus in das Bewußtsein zu bringen.
Worum geht es?
Um es vorab zu sagen, unser gegenwärtiges Trinkwasser ist dank hoher Standards von guter Qualität und bedenkenlos zu genießen, aber wir zehren von der Substanz. Die seit Jahren über ein marodes Abwassersystem zunehmende Verunreinigung unseres Grundwassers, der Flüsse und Seen ist ein unabsehbarer Prozeß und die Auswirkungen werden zeitversetzt zum Tragen kommen. Das gilt natürlich auch im umgekehrten Fall für eine Gesundung.
Über Entwässerungssysteme – die ursächlich und ausschließlich nur für Fäkalien erdacht und gebaut wurden – sollten (alle!) Fäkalien kanalisiert, zu den Kläranlagen transportiert und dort gereinigt werden.
Fäkalien sind organische Exkremente, also von Mensch und Tier ausgeschiedene Stoffe. In der Landwirtschaft werden die Exkremente als Gülle oder Jauche bezeichnet und stellen einen optimalen Wirtschaftsdünger mit hohem Nährstoffgehalt dar.
Moderne begeh- und kontrollierbare Kanalisationen sind bauliche Meisterwerke und sie gibt es seit ca. 1850 in London, Hamburg (dort werden sie Siele genannt), Berlin, Leipzig hat das längste Netz Europas mit etwa 2.500 km, Dresden usw.
Noch vor ein paar Jahren gab es auch, über die Kläranlagen hinaus, so genannte Rieselfelder, auf denen vorgereinigtes (frei von groben Schwimm- und Schwebstoffen) Schmutzwasser ingenieurmäßig in den Boden zur Versickerung eingeleitet wurde. Dagegen war prinzipiell nichts einzuwenden, so sich die Konzentration in abbaubaren Grenzen hält. Ich selbst war als Bauleiter für den Neubau eines Verrieselungsfeldes südlich von Berlin verantwortlich.
Fäkalien sind für die meisten Menschen ekelerregend, – das muß auch so sein – doch gehören sie im Sinne des Wortes letztendlich zu den Stoffen, die auf natürlichem Weg abgebaut werden. Daß es sich um ungiftige organische Naturprodukte handelt, dafür sind die Hauptmieter der „Unterwelt“, die Ratten, ein ökologischer Indikator. Sie kennzeichnet ein hohes Sozialverhalten aus und sie gehören, wie wir Menschen, zur Klasse der Höheren Säuger. Ratten konnten bis heute in diesem Milieu eine stabile und gesunde Population aufbauen. Die vielen kleinen Zuflußrohre werden von ihnen durchlässig gehalten.
Zur Situation in der BRD
Die heutigen anfallenden Abwässer sind verunreinigt. Sie sind nicht mehr nur mit Fäkalien, auch Essensresten, und Hygieneartikeln … gespeist, sondern mit gefährlichen Substanzen aus Haushaltchemie sowie der pharmazeutischen und chemischen Industrie belastet.
Abwässer werden immer noch direkt in Flüsse und Seen geleitet bzw. versickern teilweise über eine marode Kanalisation – die ihren Namen strenggenommen schon längst nicht mehr verdient – ins Erdreich, das Grundwasser usw. Das Problem ist von hoher Brisanz, wird aber so gut wie nicht thematisiert.
Der letzte Bauschadensbericht zum Thema des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung liegt aus dem Jahre 1995 vor. Auf Anfrage bekam ich vom BMVBS die
Mitteilung, daß der s.g. Bauschadensbericht in “Bauqualität und Bauwirtschaft” umbenannt wurde. Weiterverwiesen an das Referat II 4 Bauwesen, Bauwirtschaft, GAEB in Bonn wurde mir von dort mitgeteilt:
„Leider kam das Thema politisch nicht mehr auf die Tagesordnung, so dass ich ihnen keine aktuelleren Daten zur Verfügung stellen kann. Ich weiß aber, dass an verschiedenen Universitäten (z.B. Leipzig und Karlsruhe) an diesem Thema weiter gearbeitet und geforscht wird.“
Einschub: Gäbe es Parteien, Organisationen die sich besonders die Umwelt auf die Fahnen geschrieben haben, oder Verantwortliche in den zuständigen Ministerien, wäre das ein Thema von hoher Priorität.
In Fachkreisen seit Jahren bekannte Tatsachen
Der ehemalige Präsident des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie Ignaz Walter klagte bereits am 4. Juni 2003 in einem Interview:
„Allein im Kanalbau für Wasserver- und -entsorgung werde der Sanierungsbedarf bundesweit auf 280 Milliarden Euro geschätzt. Milliarden von Litern Fäkalien fließen durch marode Abwasserkanäle ins Grundwasser, und kein Umweltschützer tut etwas dagegen.“
Walther thematisierte sehr deutlich den Zusammenhang des geschlossenen Kreislaufs in der Ernährungskette vom Wasser und der abhängigen Fauna und Flora.
Pharma- und Chemieindustrie
Den Löwenanteil an der Misere trägt neben der Haushaltchemie, die Pharma- und Chemieindustrie. Und dann gibt es auch noch die chemischen Dünger und Insektizide in der Landwirtschaft. Ein Ende ist nicht abzusehen, da in unserer derzeitigen Welt alles Wohl von ständiger Wachstumssteigerung abhängig gemacht wird. Diese wird in der Tat notwendig, um den exponentiell steigenden Zins bedienen zu können.
So bauen also nicht etwa die Städte und Kommunen, Architekten und Baumeister nach vernünftigen Prämissen, sondern das Kapital. Mittlerweile sollten wir gelernt haben, daß das Kapital der Zwilling der Korruption ist. Ein schönes Beispiel ist aktuell „Stuttgart 21“.
Die Pharmaindustrie frohlockt, sie investiert in „zunehmende“ Krankheiten, Medikamente und Impfstoffe, Präparate zur Gesundheitsvorsorge usw. Selbst psychiatrische Stimulanzien für s.g. verhaltensauffällige Kinder sind ein Markt (allein in der BRD derzeit ca. über 100.000) … Weiteres Wachstumspotential sieht sie in einen steigenden Absatz für Heim- und Nutztiere.
Die Produktions-Steigerungsraten der Konzerne, neue entwickelte Arzneien und der Neubau von Produktionsstätten können sich sehen lassen. Dabei schnellen die Kosten für das Gesundheitswesen und die Aktienindizes in die Höhe.
Für die Belastung des Abwassers ist es weitgehend unerheblich, ob die Medikamente tatsächlich eingenommen und ausgeschieden, oder ob sie über die Toilettenspülung direkt entsorgt werden. Bei der Einnahme von Medikamenten findet eben keine vollständige
Aufspaltung und Aufnahme bzw. eine Verstoffwechselung der chemischen Substanzen statt, wie uns glauben gemacht werden soll.
Messungen auch im deutschen Kanalisationssystem haben den Nachweis von mit Pharmazeutika belasteter Abwässer erbracht.
Einen großen Anteil an der Vergiftung haben auch Hormonpräparate wie die Antibabypille, täglich von millionen Mädchen und Frauen eingenommen. Besonders hier ist aus zweierlei Gründen das Augenmerk zu richten auf:
1.) Das persönliche Schicksal, also die gesundheitsgefährdenden Auswirkungen für die Frauen, ein Thema, das sich Eva Herman in einem ebenfalls bei Kopp erschienenen Artikel: „Die ´Pille` wird fünfzig – doch nicht jedem ist zum Feiern zumute“, ausführlich annimmt.
2.) Es ist nicht nur ein privates Problem für die betroffenen Frauen – eigentlich kann man diese gar nicht voneinander trennen –, sondern auch ein gesamtgesellschaftliches Anliegen.
Als Mann muß ich Eva Herman gewiß zustimmen, wen sie schreibt, daß heutzutage die meisten Männer die Pille als selbstverständlich voraussetzen und auch fordern. Das kann aber auch anders sein. In den 1980er Jahre nahmen wir Jungs – trotz unseres Lebenshungers – die Bedenken über gesundheitliche Nebenwirkungen mindestens genauso ernst wie unsere Mädels. Daß das Problem überhaupt in unser Bewußtsein gelangte, verdankten wir einem Freund in unserm Kreis, Dr. Peter M., damals Mitarbeiter am Pharmakologischen Institut in Berlin. Es gab auch die vielen Sorglosen, gutgläubig und uninformiert.
Eine Sensibilisierung für die verschiedenen Nebenwirkungen ist durch Aufklärung, nicht nur im Privaten, sondern vor allem durch eine allgemeine Gesundheitserziehung zu erreichen! Aber, ein Kampf gegen die Pharmaindustrie und ihre Lobby wird unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen in einem desolaten Bildungs- und Kultursystem nicht zu führen sein.
Nun, jetzt will ich aber nicht abschweifen. Auf jedem Fall muß der Teufelskreis, den die Mädchen (und sie werden immer jünger) ausgesetzt sind, verständlich gemacht werden. Es ist eine Frage der Moral.
Wenn Männer wieder Männer sein wollen und nicht wie atomisierte Hedonisten im Universum umherschwirren, können sie allemal hilfreich sein.
Auch ein Satz zu den deutschen Krankenhäusern, Apotheken und Arztpraxen. Aus eigener Kenntnis kann ich einen international hohen Standard und Disziplin bei der Entsorgung von Müll im Allgemeinen und von überlagerten Medikamenten, Flüssigkeiten, OP-Abfällen … bestätigen. Das gilt auch z.B. für Amalgam, eine Quecksilberlegierung für Zahnfüllungen. Alles wird gesammelt und der Sonderbehandlung oder der Müllverbrennung zugeführt, nicht über die Toilettenspülung – wie im amerikanischen Bericht geschildert, überdimensionierte WC-Schüsseln laden ja gerade dazu ein – entledigt.
Was ist zu tun?
Um weitgehend eine Verseuchung des Grundwassers auszuschließen ist ein intaktes Kanalisationssystem Voraussetzung, daß die Abwässer ordnungsgemäß sammelt und den Klärwerken zuführt, um sie dort zu reinigen.
Nach seriöser Schätzung wäre allein mit der kompletten Sanierung der Kanal- und Abwassernetze das Bauwesen für die nächsten zehn Jahre beschäftigt. An eine sinnvolle Trennung von Grau- (Regenwasser) und Abwasser ist momentan nicht mal zu denken.
Es wäre jedoch unfair und verantwortungslos den Schwarzen Peter, also die vollständige Beseitigung von Rückständen aus Medikamenten und Chemikalien, die in den Sammlern und Klärbecken landen, den städtischen Wasseraufbereitungsunternehmen bzw. Kommunen zuzuspielen.
Lassen wir uns auch nicht von forschen Bürgermeistern für alle Zukunft täuschen, die bei der Inbetriebnahme aus der letzten Reinigungsstufe ausdrucksvoll zum Beweis der hohen Wasserqualität ein Glas frisches Wasser trinken.
Letztlich ist das gesamte System von der Einleitung des Schmutzwassers bis zum Verlassen der Aufbereitung als frisches Trinkwasser ein sensibler Vorgang und Störungen verschiedener Art ausgesetzt.
Oberste Priorität muß die Vermeidung von der Einleitung chemischer Substanzen haben. Darüber hinaus darf nicht an fachkundigem Personal gespart werden, das die Kanalisationen kontrolliert und wartet.
Rolf Winkler
2. September 2010



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