Karlheiz Weißmann: Interregnum
24. Februar 2010 in Deutschland, Geschichte
Am 4. Juni 1945 kommentierte die Times die deutsche Lage mit den Worten: “Deutschland befindet sich seit dem Tag des Sieges in Europa im Zustand eines Interregnums …” An das “Interregnum” fühlten sich viele Deutsche nach der Kapitulation erinnert, an jene Zeit im Mittelalter, als das Fehlen aller staatlichen Autorität zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung geführt hatte, begleitet von Mord, Vergewaltigung, Raub, Plünderung und Terror.
Die wichtigste Ursache der “autoritätslosen, der schrecklichen Zeit” lag in der totalen Niederlage selbst. Für ihre Planungen waren die Alliierten davon ausgegangen, daß nach der Invasion der deutsche Widerstand im Westen relativ schnell zusammenbrechen werde. Dann sollte bei Besetzung des Reichsgebiets die Verwaltung unter Aufsicht der Sieger weiterarbeiten. Daß diese Absicht im Widerspruch zur Kriegführung gegen Zivilbevölkerung und Infrastruktur und auch im Widerspruch zu den Säuberungsplänen stand, scheint niemandem aufgefallen zu sein.
Tatsächlich funktionierten die deutschen Stellen nur bis zum Zeitpunkt der Besetzung. In manchen Fällen bereitete man sich sogar auf die Machtübernahme der Alliierten vor. Aber in dem Augenblick, in dem die gegnerischen Truppen einrückten, brach die Administration zusammen. Amtsräume, Schulklassen und die Schalter von Post oder Bahn standen verwaist, die Kassen waren leergeräumt, wichtige Unterlagen der Behörden verschwunden. Read the rest of this entry →
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