Michael Winkler: Schüler und Meister
7. Juli 2010 in Gesellschaft, Philosophie
Früher war alles besser, insbesondere zu biblischen Zeiten. Da zog der Meister mit seinen Jüngern bzw. Schülern durch das Land, und wenn er Lust hatte zu lehren, suchte er sich einen schönen schattigen Baum. Das Vorrecht, sich daran zu lehnen, stand dem Meister zu, die Schüler fläzten sich so bequem wie möglich um ihn herum und dann begann er zu erzählen. Die Schüler hörten geduldig zu, ließen den Meister ausreden, versuchten seine Worte zu verstehen und stellten ganz selten kluge Fragen, um den Sinn des Gelehrten zu ergründen.
Vielleicht sollte ich den Trick mit dem Baum auch einmal probieren, denn wenn ich einmal zu einem “netten Nachmittag/Abend” eingeladen werde, sieht das ganz anders aus. Statt meiner Weisheit zu lauschen, wegen der ich eingeladen wurde, stellen die Gastgeber ununterbrochen Fragen. Aus einem “netten” Treffen wird so eine Examenssituation, es wird nachgebohrt, bis schließlich meine Stimme einen verzweifelten Unterton bekommt. Ich habe die Antworten doch längst gegeben, die Antworten auf die meisten Fragen stehen in meinen Texten, für einen Cent nachzudenken hätte mehr gebracht, als für 100 Euro nachzufragen.
Ich spreche nicht von Vorträgen, da erhält der Zuhörer nur das flüchtige Wort, statt der bleibenden Schrift. Womöglich habe ich nicht gut genug erklärt, und da der Vortrag unerbittlich weiterschreitet, ginge der Gedanke ohne Nachfrage verloren. Steht er jedoch lesbar fixiert, vermag jeder Empfänger, ihn noch einmal zu lesen, ihn in Ruhe zu überdenken, um dann gelassen fortzuschreiten. Read the rest of this entry →
Neueste Kommentare